Siemens kaufte die Low-Code-Plattform Mendix 2018 und sagte zu, Marke, Kultur und Produkt-Roadmap unangetastet zu lassen. Die Marke besteht, die Plattform ist gewachsen, Siemens selbst baut inzwischen mehr als tausend Anwendungen darauf. 2024 übernahm ein Siemens-Manager die Führung.
Mendix will retain its distinct brand, culture and continue serving customers across the full range of industries with its unique platform and broad ecosystem and community.
— Siemens, Pressemitteilung zur Übernahme, 1. August 2018
Was gekauft wurde
Am 1. August 2018 vereinbarte Siemens die Übernahme von Mendix für rund 600 Millionen Euro in bar. Mendix war 2005 in Rotterdam gegründet worden und hatte seinen Hauptsitz inzwischen nach Boston verlegt. Gründer Derek Roos führte das Unternehmen.
Siemens sagte in der Mitteilung zu: Mendix behält Marke und Kultur, bedient weiter Kunden aller Branchen und bekommt zusätzliche Mittel für Forschung und internationalen Vertrieb. Roos schrieb am selben Tag an Kunden und Partner, Produkt-Roadmap und Richtung änderten sich nicht, die Plattform bleibe offen, und er bleibe CEO – mit Berichtslinie an den Chef der Software-Sparte von Siemens, nicht an die Konzernzentrale. Das Closing folgte am 1. Oktober 2018.
Warum: die Value Proposition
Low-Code heißt: Anwendungen werden aus vorgefertigten Bausteinen zusammengesetzt statt Zeile für Zeile programmiert, sodass auch Fachleute ohne Informatikausbildung Software bauen können. Siemens wollte damit die eigene Industriesoftware und die Cloud-Plattform MindSphere für mehr Nutzer zugänglich machen und die Nachfrage nach Unternehmensanwendungen bedienen, die schneller wächst, als Programmierer sie schreiben können. Vorstand Klaus Helmrich nannte den Kauf einen Baustein der Konzernstrategie Vision 2020+.
Der Wert lag nicht nur im Werkzeug. Er lag in den Entwicklern, Partnern und Kunden, die auf Mendix aufbauten. Roos nannte als Bedingung dafür, dass die Plattform herstellerunabhängig bleibt und mit Partnern wie SAP und IBM weiterarbeitet.
Was Siemens anders gemacht hat
Der Name blieb, ebenso Büros und Führungsstruktur. Mendix wurde keiner Konzernmarke untergeordnet, sondern der Software-Sparte als eigenes Segment zugeordnet.
Siemens wurde selbst Kunde. Im Februar 2021 berichtete der Konzern, intern binnen eines Jahres über 100 Anwendungen auf Mendix gebaut zu haben. Siemens-CIO Hanna Hennig sagte dazu, Mendix habe als Tochter die Freiheit, unabhängig zu wachsen. Das interne Programm lief bis 2023 und ging danach in einen regulären IT-Service über.
Die Führung wechselte zweimal. Im Mai 2022 übergab Roos an Finanzchef Tim Srock, der im Jahr der Übernahme zu Mendix gekommen war – laut dem Branchendienst Enterprise Times von Siemens. Mendix meldete zu diesem Zeitpunkt ein Wachstum des wiederkehrenden Jahresumsatzes um 300 Prozent seit der Übernahme. Im Februar 2024 trat Srock zurück; Nachfolger wurde Raymond Kok, zuvor 22 Jahre bei Siemens und dort zuletzt für die Plattform Siemens Xcelerator verantwortlich. Kok hatte Mendix laut Mitteilung schon vor dem Kauf bei Siemens eingesetzt und an den Gesprächen zur Übernahme mitgewirkt.
Die Plattform tritt 2026 weiter unter eigenem Namen auf, mit dem Zusatz „a Siemens business“, und ist Teil des Siemens-Xcelerator-Portfolios. Wie sich der Führungswechsel auf die Eigenständigkeit auswirkt, ist öffentlich nicht dokumentiert.