Industrie & Software

Siemens Mendix

2018 rund 600 Mio. EUR 4 Min. Lesezeit
Marke geblieben. Plattform gewachsen. Führung gewechselt.

Organizational Immune Design fragt bei jedem Zukauf: Was fließt vom Käufer durch, was bleibt geschützt? Sechs Nahtstellen, an denen das entschieden wird.

Käufer Siemens Technologiekonzern mit Sitz in München; Mendix wurde der Software-Sparte der Division Digital Factory zugeordnet, heute Siemens Digital Industries Software
Zukauf Mendix Low-Code-Plattform, 2005 in Rotterdam gegründet, Hauptsitz 2018 in Boston, über 400 Beschäftigte zum Zeitpunkt der Übernahme
Kaufpreis rund 600 Mio. EUR
Value Proposition Eine Plattform, mit der Fachanwender ohne Programmierkenntnisse Anwendungen bauen, samt Entwickler- und Partner-Ökosystem – mit der Siemens die eigene Industriesoftware und die Cloud-Plattform MindSphere breiter nutzbar machen wollte
Wo die Naht hielt Organisation Der Zukauf behält Name, Struktur und eigene Entscheidungswege; der Käufer liefert Ressourcen über definierte Schnittstellen.
Was daraus wurde Erhalten Marke, Plattform und Ökosystem bestehen 2026 unter dem Namen Mendix fort; der wiederkehrende Umsatz wuchs laut Mendix bis 2022 deutlich, Siemens selbst wurde zum Großanwender. Offen bleibt die Führung: Seit 2024 leitet ein langjähriger Siemens-Manager das Unternehmen. Was vor dem Closing festzulegen war ↓

Siemens kaufte die Low-Code-Plattform Mendix 2018 und sagte zu, Marke, Kultur und Produkt-Roadmap unangetastet zu lassen. Die Marke besteht, die Plattform ist gewachsen, Siemens selbst baut inzwischen mehr als tausend Anwendungen darauf. 2024 übernahm ein Siemens-Manager die Führung.

Mendix will retain its distinct brand, culture and continue serving customers across the full range of industries with its unique platform and broad ecosystem and community.

— Siemens, Pressemitteilung zur Übernahme, 1. August 2018

Was gekauft wurde

Am 1. August 2018 vereinbarte Siemens die Übernahme von Mendix für rund 600 Millionen Euro in bar. Mendix war 2005 in Rotterdam gegründet worden und hatte seinen Hauptsitz inzwischen nach Boston verlegt. Gründer Derek Roos führte das Unternehmen.

Siemens sagte in der Mitteilung zu: Mendix behält Marke und Kultur, bedient weiter Kunden aller Branchen und bekommt zusätzliche Mittel für Forschung und internationalen Vertrieb. Roos schrieb am selben Tag an Kunden und Partner, Produkt-Roadmap und Richtung änderten sich nicht, die Plattform bleibe offen, und er bleibe CEO – mit Berichtslinie an den Chef der Software-Sparte von Siemens, nicht an die Konzernzentrale. Das Closing folgte am 1. Oktober 2018.

Warum: die Value Proposition

Low-Code heißt: Anwendungen werden aus vorgefertigten Bausteinen zusammengesetzt statt Zeile für Zeile programmiert, sodass auch Fachleute ohne Informatikausbildung Software bauen können. Siemens wollte damit die eigene Industriesoftware und die Cloud-Plattform MindSphere für mehr Nutzer zugänglich machen und die Nachfrage nach Unternehmensanwendungen bedienen, die schneller wächst, als Programmierer sie schreiben können. Vorstand Klaus Helmrich nannte den Kauf einen Baustein der Konzernstrategie Vision 2020+.

Der Wert lag nicht nur im Werkzeug. Er lag in den Entwicklern, Partnern und Kunden, die auf Mendix aufbauten. Roos nannte als Bedingung dafür, dass die Plattform herstellerunabhängig bleibt und mit Partnern wie SAP und IBM weiterarbeitet.

Was Siemens anders gemacht hat

Der Name blieb, ebenso Büros und Führungsstruktur. Mendix wurde keiner Konzernmarke untergeordnet, sondern der Software-Sparte als eigenes Segment zugeordnet.

Siemens wurde selbst Kunde. Im Februar 2021 berichtete der Konzern, intern binnen eines Jahres über 100 Anwendungen auf Mendix gebaut zu haben. Siemens-CIO Hanna Hennig sagte dazu, Mendix habe als Tochter die Freiheit, unabhängig zu wachsen. Das interne Programm lief bis 2023 und ging danach in einen regulären IT-Service über.

Die Führung wechselte zweimal. Im Mai 2022 übergab Roos an Finanzchef Tim Srock, der im Jahr der Übernahme zu Mendix gekommen war – laut dem Branchendienst Enterprise Times von Siemens. Mendix meldete zu diesem Zeitpunkt ein Wachstum des wiederkehrenden Jahresumsatzes um 300 Prozent seit der Übernahme. Im Februar 2024 trat Srock zurück; Nachfolger wurde Raymond Kok, zuvor 22 Jahre bei Siemens und dort zuletzt für die Plattform Siemens Xcelerator verantwortlich. Kok hatte Mendix laut Mitteilung schon vor dem Kauf bei Siemens eingesetzt und an den Gesprächen zur Übernahme mitgewirkt.

Die Plattform tritt 2026 weiter unter eigenem Namen auf, mit dem Zusatz „a Siemens business“, und ist Teil des Siemens-Xcelerator-Portfolios. Wie sich der Führungswechsel auf die Eigenständigkeit auswirkt, ist öffentlich nicht dokumentiert.

+300 % wiederkehrender Jahresumsatz seit der Übernahme, laut Mendix (Mai 2022)
1.000+ intern bei Siemens gebaute Anwendungen (Stand 2025)
30.000 Siemens-Beschäftigte auf der Plattform eingebunden, 4.500 davon zertifiziert

Chronologie

  1. 1. Aug. 2018 Siemens vereinbart die Übernahme. Zusage: eigene Marke, eigene Kultur, unabhängige Produkt-Roadmap, Kunden aller Branchen.
  2. 1. Okt. 2018 Closing. Gründer Derek Roos bleibt CEO und berichtet an Tony Hemmelgarn, Chef von Siemens PLM Software.
  3. Feb. 2021 Siemens-CIO Hanna Hennig: Mendix habe als Tochter die Freiheit, unabhängig zu wachsen. Siemens hat intern binnen eines Jahres über 100 Anwendungen gebaut.
  4. Mai 2022 Roos übergibt an Finanzchef Tim Srock, der im Jahr der Übernahme zu Mendix gekommen war.
  5. 12. Feb. 2024 Raymond Kok wird CEO, nach 22 Jahren bei Siemens, zuletzt verantwortlich für die Plattform Siemens Xcelerator. Srock tritt zurück; Gründe werden nicht genannt.
  6. Okt. 2025 Mendix veröffentlicht die Plattformversion 11 unter eigenem Namen, als „Mendix, a Siemens business“.

Unsere Lesart

Was der Fall für Organizational Immune Design zeigt

Der Fall zeigt die Nahtstelle Organisation – als Gegenmodell. Siemens hat die Zusage von 2018 in eine Struktur übersetzt: eigener Name, eigene Büros, eigene Führung, Berichtslinie in die Software-Sparte statt in die Konzernzentrale. Dass Marke und Ökosystem heute bestehen und die Plattform weiter Kunden aller Branchen bedient, legt nahe, dass diese Struktur gehalten hat. Was Siemens intern regelte, ist nicht öffentlich; sichtbar ist das Ergebnis.

Sekundär zeigt der Fall die Nahtstelle Führung, und dort ist er offen. Der Gründer führte dreieinhalb Jahre nach dem Closing, sein Nachfolger kam aus dem eigenen Führungsteam, der heutige CEO aus Siemens. Ob damit die Konzernlogik näher rückt oder ob ein Manager, der Mendix laut Mitteilung schon vor dem Kauf nutzte, die Eigenständigkeit fortführt, lässt sich von außen nicht beurteilen. Für Governance & Kapitalallokation ist dokumentiert, dass Siemens 2018 zusätzliche Investitionen in Forschung und Vertrieb zusagte; ob und wie sie geflossen sind, ist nicht öffentlich.

Was wir nicht wissen

  • Wie die Steuerung im Detail funktioniert. Welche Konzernrichtlinien, Freigaben und Kennzahlen für Mendix gelten, ist nicht öffentlich.
  • Ob Siemens Einfluss auf Produktentscheidungen nimmt. Die Zusage einer unabhängigen Roadmap stammt von 2018; öffentlich ist keine Produktvorgabe dokumentiert, das Gegenteil aber auch nicht.
  • Wie sich der CEO-Wechsel 2024 auswirkt. Gründe für den Rückzug von Tim Srock wurden nicht genannt.
  • Ob sich der Kauf für Siemens gerechnet hat. Die Wachstumszahlen stammen von Mendix und Siemens selbst; Umsatz und Ergebnis von Mendix werden nicht separat ausgewiesen.

Für Ihren Deal

Wenn Sie gerade kaufen: Diese Festlegungen hat der Käufer getroffen. Prüfen Sie, ob sie bei Ihnen im Kaufvertrag, im Beirat oder im Budgetprozess verankert sind – nicht nur in der Pressemitteilung.

  • Organisation: Name, Büros und Führungsstruktur außerhalb der Konzernmatrix (Beim Zukauf lassen)
Zur vollständigen Festlegung ↓

Organizational Immune Design

Was Siemens vor dem Closing festgelegt hat

Organizational Immune Design legt vor dem Kauf für jede Nahtstelle fest, was der Zukauf vom Käufer übernimmt und was bei ihm bleibt. So hat Siemens das an den entscheidenden Nahtstellen festgelegt:

  • Vom Käufer übernehmen Durchlassen

    Kapital, Vertriebsressourcen, Konzernkunden

    Was von Siemens fließt, ist das, was Mendix allein nicht hatte: eine zugesagte mehrjährige Investition in Forschung und internationalen Vertrieb, Zugang zu Industriekunden – und Siemens selbst als Anwender im großen Maßstab.

  • Beim Zukauf lassen Schützen

    Name, Büros und Führungsstruktur außerhalb der Konzernmatrix

    Dokumentiert ist: Mendix behielt Name, Büros und Führungsstruktur und wurde der Software-Sparte als eigenes Segment zugeordnet, nicht in eine Konzernmarke überführt. Das ist die Nahtstelle, die den Rest erst möglich macht.

  • Noch nicht entschieden Offen

    Die offene Flanke: der CEO aus dem Konzern

    Gründer, dann Finanzchef, dann ein Siemens-Manager. Ob die Eigenständigkeit in der Struktur verankert ist oder an Personen hing, zeigt sich erst jetzt. Diese Entscheidung ist noch nicht ablesbar.

Die Immune-Design-Frage

Welche Regel hätte Siemens 2018 festlegen müssen, damit die Zusage einer unabhängigen Roadmap auch dann gilt, wenn der CEO aus dem Konzern kommt?

Quellen

  1. Siemens, Pressemitteilung, 1. August 2018: „Siemens strengthens its digital enterprise leadership with acquisition of Mendix“ — Kaufpreis 0,6 Mrd. Euro in bar, Zusage zu Marke, Kultur und unabhängiger Roadmap im Wortlaut, Begründung (MindSphere, Digital Enterprise), Gründung 2005, Hauptsitz Boston, über 400 Beschäftigte, Zitate Helmrich und Roos
  2. Mendix, Blog, August 2018: „Siemens to Acquire Mendix Low-Code Platform“ (Derek Roos) — Name, Marke und Kultur bleiben; Roadmap ändert sich nicht; Plattform bleibt offen; Roos bleibt CEO mit Berichtslinie an Tony Hemmelgarn; Segment innerhalb der Digital Factory Division
  3. Schnitger Corporation, 1. Oktober 2018: „Siemens closes Mendix acquisition“ — Closing-Datum; Mendix behält Name, Führungsstruktur und Büros
  4. Siemens, 22. Februar 2021: „Siemens embraces low-code, certifying thousands of employees“ — Über 100 Anwendungen in weniger als einem Jahr, Zitat Hanna Hennig zur Freiheit, unabhängig zu wachsen
  5. Mendix, Pressemitteilung, 19. Mai 2022: „New Mendix CEO Tim Srock Sets Strategic Direction for Next Phase of Hypergrowth“ — CEO-Wechsel von Roos zu Srock, 300 Prozent Wachstum des wiederkehrenden Jahresumsatzes seit der Übernahme, Dateline Boston
  6. Mendix, Pressemitteilung, 14. Februar 2024: „Mendix appoints Raymond Kok as its CEO“ — Kok ab 12. Februar 2024 CEO, 22 Jahre bei Siemens, zuletzt Senior Vice President für Siemens Xcelerator, früher Anwender von Mendix und an den Übernahmegesprächen beteiligt; Srock tritt zurück
  7. Enterprise Times, 15. Februar 2024: „Siemens appoints Raymond Kok as Mendix CEO“ — Srock kam 2018 mit der Übernahme als Finanzchef zu Mendix
  8. Mendix, Customer Story: „How Siemens AG is Unlocking Strategic Value with Over 1,000 Mendix Applications“ — Über 1.000 Anwendungen, 30.000 eingebundene Beschäftigte, 4.500 zertifizierte Entwickler, Programm Mendix@Siemens 2020 bis 2023, Auszeichnung 2025 (Angaben von Mendix und Siemens)
  9. Mendix, Pressemitteilung, Oktober 2025: „Mendix launches new release to meet surging demand for agentic AI“ — Plattformversion 11, Auftritt als „Mendix, a Siemens business“, Einbindung in Siemens Xcelerator
  10. Hinweis — Siemens nannte 2018 Boston als Hauptsitz von Mendix; Wikipedia und niederländische Quellen führen Rotterdam. Beide Standorte bestehen. Die Wachstumsangabe „300 % growth in annual recurring revenue“ stammt von Mendix und ist nicht extern geprüft.

Dokumentierte Fakten stammen aus den genannten Quellen. Die Abschnitte „Unsere Lesart" und „Was Siemens vor dem Closing festgelegt hat" sind unsere Interpretation.

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