Sport & Digital

adidas Runtastic

2015 – 2025 220 Mio. EUR 4 Min. Lesezeit
App bleibt. Marke, Standorte, Gesellschaft nicht.

Organizational Immune Design fragt bei jedem Zukauf: Was fließt vom Käufer durch, was bleibt geschützt? Sechs Nahtstellen, an denen das entschieden wird.

Käufer adidas Sportartikelhersteller aus Herzogenaurach; die Übernahme fiel in die Zeit, in der Nike und Under Armour eigene Fitness-Plattformen aufbauten
Zukauf Runtastic Fitness-App-Unternehmen aus Pasching bei Linz, 2009 von vier Studenten gegründet, 2015 über 140 Mio. Downloads und rund 70 Mio. registrierte Nutzer
Kaufpreis 220 Mio. EUR
Value Proposition Eine eigene App-Marke mit Millionen registrierten Nutzern und ein Team, das digitale Produkte entwickelt und betreibt
Wo es riss Organisation Der Zukauf wird in Strukturen, Prozesse und Marken des Käufers eingegliedert.
Was daraus wurde Übertragen Die App existiert als adidas Running weiter und wird von adidas-Standorten aus betrieben. Marke, österreichische Standorte, Gründer und Gesellschaft sind bis 2025 verschwunden. Ob das heutige Produkt noch von den Menschen getragen wird, für die 2015 bezahlt wurde, ist öffentlich nicht feststellbar. Was vor dem Closing festzulegen war ↓

adidas kaufte 2015 die Fitness-App Runtastic samt Gründerteam. 2019 wurde die App in adidas Running umbenannt, 2022 verließ der letzte Gründer das Unternehmen. Bis Mitte 2025 schloss adidas alle drei österreichischen Standorte; im November 2025 ging die Gesellschaft in Liquidation.

Was gekauft wurde

Am 5. August 2015 übernahm adidas alle Anteile an der runtastic GmbH. Die Transaktion bewertete das Unternehmen mit 220 Millionen Euro. Runtastic war sechs Jahre zuvor von vier Studenten in Oberösterreich gegründet worden und hatte Lauf- und Fitness-Apps gebaut, die weltweit genutzt wurden.

adidas sagte zu, dass die vier Gründer das Geschäft innerhalb der Gruppe weiter leiten. Vorstandschef Herbert Hainer sprach von einem beträchtlichen Mehrwert für das Ziel, neue Sporterfahrungen zu schaffen.

Warum: die Value Proposition

Die Sportartikelbranche wurde 2015 digital. Nike baute seine Running-Plattform aus, Under Armour hatte kurz zuvor die Apps MyFitnessPal und Endomondo gekauft. Wer Sportler erreichen wollte, brauchte einen direkten Draht zu ihnen: eine App, die täglich geöffnet wird.

Runtastic hatte diesen Draht. Millionen Menschen zeichneten ihre Läufe mit einer App auf, die sie unter dem Namen Runtastic kannten. Dahinter stand ein Team in Pasching, das dieses Produkt entwickelt hatte und in kurzen Zyklen weiterentwickelte. Beides zusammen war die Value Proposition: die Nutzerbeziehung und die Menschen, die sie herstellten.

Was danach geschah

Drei Jahre änderte sich wenig. Im September 2018 kündigte Gründer-CEO Florian Gschwandtner seinen Rückzug zum Jahresende an; zwei Mitgründer übernahmen die Führung. Im Mai 2019 setzte adidas einen General Manager von außen ein, Scott Dunlap, der an die Digitalsparte des Konzerns berichtete.

Vier Monate später verschwand der Name. Aus der App Runtastic wurde adidas Running, aus der Trainings-App wurde adidas Training. Im Januar 2020 sagte Gschwandtner, er habe manche Entscheidung nicht verstanden; es sei aber nicht mehr sein Unternehmen.

2022 verließ Alfred Luger als letzter der vier Gründer das operative Geschäft. Im selben Jahr schrieb adidas die Markenrechte an Runtastic vollständig ab und begründete das im Geschäftsbericht mit der Integration der Marke in adidas. Im März 2023 folgten der Abbau von 70 der 250 Stellen und das Ende der Trainings-App. Laut Firmenbuch hatte die Gesellschaft 2021 rund 33,7 Millionen Euro Umsatz gemacht.

Im September 2024 kündigte adidas an, die drei österreichischen Standorte bis Mitte 2025 zu schließen. Die App sollte künftig aus Herzogenaurach, Amsterdam und Saragossa betrieben werden. Der zuständige adidas-Manager Tobias Seemann begründete das mit der Bündelung digitaler Kompetenzen an wenigen Standorten. Die rund 170 Beschäftigten konnten sich dort bewerben.

Im November 2025 ging die runtastic GmbH in Liquidation. Die App adidas Running gibt es weiterhin, betrieben aus drei Konzernstandorten. Wie viele Menschen sie nutzen und wer sie heute baut, veröffentlicht adidas nicht.

4 → 0 Gründer im Unternehmen, 2015 bis 2022
16 Mio. EUR Markenrechte Runtastic 2022 vollständig abgeschrieben
3 → 0 Standorte in Österreich bis Mitte 2025

Ich habe auch manche Entscheidung nicht verstanden und hätte vielleicht anders gehandelt. […] Aber am Ende ist es dann eben nicht mehr mein Unternehmen und ich muss die Entscheidungen auch nicht tragen.

— Florian Gschwandtner, Runtastic-Mitgründer und CEO bis 2018, t3n, 21. Januar 2020

Chronologie

  1. 5. Aug. 2015 adidas übernimmt Runtastic. Die vier Gründer sollen das Geschäft innerhalb der adidas-Gruppe weiter leiten.
  2. 2018 – 2019 Gründer-CEO Florian Gschwandtner zieht sich zum Jahresende 2018 zurück, zwei Mitgründer übernehmen. Im Mai 2019 wird Scott Dunlap, zuvor Digitalmanager im Silicon Valley, General Manager und berichtet an die Digitalsparte von adidas.
  3. Sept. 2019 Umbenennung. Aus der App Runtastic wird adidas Running, aus Results wird adidas Training.
  4. 2022 Alfred Luger verlässt als letzter Gründer das operative Geschäft. adidas schreibt die Markenrechte Runtastic ab.
  5. März 2023 70 von 250 Stellen werden gestrichen, die App adidas Training wird eingestellt.
  6. Sept. 2024 Alle drei Österreich-Standorte sollen bis Mitte 2025 schließen. Die App wird künftig aus Herzogenaurach, Amsterdam und Saragossa betrieben.
  7. Nov. 2025 Die runtastic GmbH geht in Liquidation.

Unsere Lesart

Was der Fall für Organizational Immune Design zeigt

Der Fall zeigt die Nahtstelle Organisation. Jede dokumentierte Entscheidung folgte einer Konzernlogik: Berichtslinie in die Digitalsparte, eine Marke statt zwei, Digitalkompetenz an wenigen Standorten bündeln. adidas hat die letzte dieser Entscheidungen 2024 genau so begründet. Der Fall legt nahe, dass diese Entscheidungen einzeln nachvollziehbar waren und in der Summe das aufgelöst haben, was 2015 gekauft wurde: ein eigenständiges Unternehmen an einem eigenen Ort. Was blieb, ist ein Produkt im Konzern.

Sekundär Führung und Kultur und Identität. Der Gründer-CEO ging nach gut drei Jahren, die Nachfolge kam von außen und berichtete in die Zentrale; der letzte Gründer ging vier Jahre später. Dass der Name Runtastic für Nutzer und Mitarbeiter mehr war als ein App-Titel, ist eine mögliche Erklärung dafür, dass mit der Umbenennung auch die Bindung an das Unternehmen nachließ. Belegt ist das nicht; die Beteiligten haben ihre Gründe nur andeutungsweise genannt.

Was wir nicht wissen

  • Ob Runtastic als eigenständige App gegen Strava, Nike und Apple bestanden hätte. Der Markt für Fitness-Apps hat sich seit 2015 grundlegend verändert.
  • Warum die Gründer gingen. Gschwandtner sprach 2020 von Entscheidungen, die er nicht verstanden habe, ohne sie zu nennen.
  • Wie sich adidas Running seit 2019 entwickelt hat. Nutzer- und Umsatzzahlen der App veröffentlicht adidas nicht; die letzte bekannte Zahl ist der Umsatz der Gesellschaft 2021.
  • Ob die Schließung der Standorte 2024 eine Kostenentscheidung war oder eine Entscheidung über das Produkt. adidas nannte die Bündelung digitaler Kompetenzen; Zahlen dazu gibt es nicht.

Für Ihren Deal

Wenn Sie gerade kaufen: Prüfen Sie vor dem Closing, ob diese Festlegungen bei Ihnen im Kaufvertrag, im Beirat oder im Budgetprozess verankert sind – nicht nur in der Pressemitteilung.

  • Organisation: Standort und Konzern über eine Schnittstelle verbunden (Verbinden statt ersetzen)
  • Kultur & Identität: Die Marke bleibt außerhalb der Konzern-Markenführung (Beim Zukauf lassen)
Zur vollständigen Festlegung ↓

Organizational Immune Design

Was adidas vor dem Closing hätte festlegen müssen

Organizational Immune Design legt vor dem Kauf für jede Nahtstelle fest, was der Zukauf vom Käufer übernimmt und was bei ihm bleibt. So hätte die Festlegung an den entscheidenden Nahtstellen aussehen können:

  • Vom Käufer übernehmen Durchlassen

    Reichweite, Athleten, Kapital

    Was adidas hatte und Runtastic nicht: Sportler mit Weltnamen, Marketingbudget, Zugang zu Laufgruppen und Handel. Das hätte in die App fließen können, als Angebot an die Nutzer, ohne die App in den Konzern zu verlegen.

  • Verbinden statt ersetzen Übersetzen

    Standort und Konzern über eine Schnittstelle verbunden

    Digitalkompetenz zu bündeln ist eine legitime Konzernentscheidung. Eine Schnittstelle hätte definiert, was aus Pasching kommt und was aus Herzogenaurach, statt die Frage über die Standorte zu beantworten. Ob das die Fähigkeit erhalten hätte, ist offen; dokumentiert ist nur, dass es nicht versucht wurde.

  • Beim Zukauf lassen Schützen

    Die Marke bleibt außerhalb der Konzern-Markenführung

    Wer eine App kauft, die Millionen Menschen unter einem bestimmten Namen heruntergeladen haben, hätte vor dem Closing entscheiden müssen, ob dieser Name die Marken-Harmonisierung des Konzerns überlebt. Und das so festschreiben, dass es vier Jahre später noch gilt.

Die Immune-Design-Frage

Welche Entscheidung von 2015 hätte so verankert werden müssen, dass eine Umbenennung 2019 und eine Standortbündelung 2024 sie nicht aufheben konnten?

Quellen

  1. adidas Group, Pressemitteilung, 5. August 2015: „adidas Gruppe erwirbt Runtastic“ — Unternehmenswert 220 Mio. EUR, über 140 Mio. Downloads, rund 70 Mio. registrierte Nutzer, die vier Gründer leiten das Geschäft weiter, Hainer-Zitat
  2. nachrichten.at, 10. September 2018: „Gschwandtner tritt als Runtastic-Chef zurück“ — Rückzug zum Jahresende, Luger und Kaar übernehmen die Führung
  3. SGB Media, 17. April 2019: „Adidas Appoints General Manager Of Runtastic“ — Scott Dunlap ab 27. Mai 2019 General Manager, Berichtslinie an den Leiter der adidas-Digitalsparte
  4. Android Police, 25. September 2019: „Runtastic becomes Adidas Running four years after acquisition“ — Umbenennung der Apps
  5. t3n, 21. Januar 2020: „Runtastic-Gründer Gschwandtner: ‚Ich habe manche Entscheidung nicht verstanden‘“ — Zitat im Wortlaut
  6. brutkasten, 2022: „Alfred Luger – der letzte Runtastic-Gründer verlässt Adidas“ — Luger geht als letzter Gründer aus dem operativen Geschäft
  7. adidas, Annual Report 2022, Notes: „Other Intangible Assets“ — Wertminderung der Marke runtastic über 16 Mio. EUR, begründet mit der Integration der Marke in adidas; Buchwert zum 31. Dezember 2022 vollständig abgeschrieben
  8. ooe.ORF.at, 16. März 2023: „Runtastic baut Viertel der Stellen ab“ — 70 von 250 Stellen, Einstellung von adidas Training, Umsatz 2021 laut Firmenbuch 33,7 Mio. EUR
  9. Trending Topics, 16. September 2024: „Runtastic: adidas sperrt Österreich-Standorte zu – 170 Mitarbeiter:innen betroffen“ — Schließung von Pasching, Wien und Salzburg bis Mitte 2025, 170 Beschäftigte, Verlagerung nach Herzogenaurach, Amsterdam und Saragossa, Begründung von adidas
  10. North Data: „runtastic GmbH, Pasching“ — Liquidation seit 13. November 2025
  11. Under Armour, SEC-Filing (8-K), Februar 2015 — Übernahmen von MyFitnessPal und Endomondo
  12. Hinweis — Zur Zahl der 2024 betroffenen Beschäftigten nennen Medien 170 bis 200. Wann der Zusatz ‚by Runtastic‘ aus den App-Namen verschwand, ist nicht dokumentiert. Das Gschwandtner-Zitat ist an einer Stelle gekürzt.

Dokumentierte Fakten stammen aus den genannten Quellen. Die Abschnitte „Unsere Lesart" und „Was adidas vor dem Closing hätte festlegen müssen" sind unsere Interpretation.

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