Industrie & Software

Siemens Mendix

2018 €600 Mio.
Eigenständig geblieben. Stark gewachsen.
Käufer Siemens Europas größter Industriekonzern, €75 Mrd. Umsatz
Zukauf Mendix Niederländische Low-Code-Plattform
Kaufpreis €600 Mio.
Kern-Mechanismus Plattform liefern, ohne zu überschreiben

Siemens kaufte Mendix und ließ es als eigenständige Einheit operieren – eigene Marke, eigene Kultur, eigene Roadmap. Gründer-CEO blieb. Über 500 interne Siemens-Apps laufen auf Mendix.

Die Ausgangslage

Als Siemens im August 2018 die niederländische Low-Code-Plattform Mendix für 600 Millionen Euro übernahm, war die Skepsis groß. Ein 170 Jahre alter Industriekonzern kauft ein Rotterdamer Software-Startup mit 500 Mitarbeitern und einer Entwicklerkultur, die kaum weiter von der Siemens-Welt entfernt sein könnte. Die Frage war nicht, ob die Integration gelingen würde – die Frage war, wie schnell Mendix seine Identität verlieren würde.

Sechs Jahre später ist die Antwort: gar nicht. Mendix operiert weiterhin als eigenständige Einheit innerhalb von Siemens. Die Marke existiert. Die Kultur existiert. Der Gründer-CEO Derek Roos führte das Unternehmen bis 2023. Über 500 interne Siemens-Applikationen laufen auf der Mendix-Plattform. Und die externe Kundenbasis – von ABN AMRO bis Zurich Insurance – wächst weiter.

Was Siemens wirklich gekauft hat

Mendix war keine Technologie, die man in ein bestehendes Produkt einbauen konnte. Es war eine Plattform mit einem eigenen Ökosystem: Zehntausende Entwickler, die auf Mendix aufbauten. Ein Community-Modell, das auf Offenheit und Zugänglichkeit setzte. Eine Produktphilosophie, die darauf abzielte, dass auch Nicht-Programmierer Anwendungen bauen können – das Gegenteil der Siemens-Welt, in der industrielle Software von spezialisierten Ingenieuren bedient wird.

Siemens hat verstanden, dass genau diese Andersartigkeit der Wert war. Nicht trotzdem – sondern gerade deswegen hat Mendix funktioniert: weil es eine andere Logik hatte als alles, was Siemens selbst hätte bauen können.

Was Siemens anders gemacht hat

Die entscheidenden Schutzmaßnahmen waren strukturell, nicht kosmetisch:

Eigenständige Einheit. Mendix wurde nicht in die Siemens-Matrixorganisation eingegliedert. Es blieb eine eigenständige Tochtergesellschaft mit eigenem Hauptquartier in Rotterdam, eigener Kultur, eigenen Prozessen. Kein Siemens-ERP. Keine Siemens-Reiserichtlinien. Kein Siemens-Performance-Management.

Gründer an der Spitze. CEO Derek Roos blieb nach der Übernahme und führte Mendix fünf weitere Jahre. Keine Ersetzung durch einen Siemens-Manager, der die Plattform in die Konzernstrategie einpasst. Die Nachfolge 2023 durch Tim Srock kam aus den eigenen Reihen.

Eigene Produkt-Roadmap. Mendix behielt die Kontrolle über seine Produktentwicklung. Siemens diktierte keine Features, keine Architektur, keine Prioritäten. Die Integration in Siemens MindSphere und andere Siemens-Plattformen geschah als Partnerschaft, nicht als Direktive.

Siemens als größter Kunde, nicht als Auftraggeber. Mit über 500 internen Applikationen wurde Siemens selbst zum größten Nutzer der Mendix-Plattform – aber als Kunde, nicht als Eigentümer. Das erzeugte eine natürliche Rückkopplungsschleife: Mendix wurde besser, weil Siemens es nutzte. Nicht weil Siemens es kontrollierte.

Warum das funktioniert hat

Die strategische Logik war klar: Siemens brauchte eine Low-Code-Plattform, um sein industrielles IoT-Ökosystem (MindSphere, jetzt Siemens Xcelerator) für ein breiteres Publikum zugänglich zu machen. Mendix lieferte genau das – aber nur, solange es seine eigene Identität behalten konnte.

Hätte Siemens die typische Integrations-Playbook angewendet – Rebranding zu “Siemens Low-Code”, Migration auf SAP, Einbindung in die Konzern-Governance – hätte es genau den Wert zerstört, den es gekauft hatte. Die Entwickler-Community wäre abgewandert. Die Startup-Kunden hätten sich Alternativen wie OutSystems gesucht. Die besten Mitarbeiter hätten Rotterdam verlassen.

Stattdessen hat Siemens seine Stärke als Infrastruktur geliefert: globale Vertriebskanäle, industrielle Kundenbasis, regulatorische Glaubwürdigkeit. Mendix konnte Kunden erreichen, die es alleine nie erreicht hätte – ohne dafür seine DNA aufgeben zu müssen.

Was Sie daraus lernen können

Der Mendix-Case ist ein Lehrstück für Organizational Immune Design – auch wenn Siemens den Begriff nicht verwendet. Die Kernlektion: Der Schutz des Zukaufs ist keine Großzügigkeit. Es ist betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Wer den Wert erhalten will, muss die Bedingungen erhalten, unter denen dieser Wert entstanden ist.

Die Frage für Ihre Organisation: Wenn Sie das Neue integrieren – schützen Sie die Bedingungen, die es wertvoll gemacht haben? Oder überschreiben Sie genau das Betriebssystem, das Sie eigentlich gekauft haben?

Erkennen Sie das Muster in Ihrer Organisation?

Ob Zukauf, Innovation oder Transformation – wenn Ihr Betriebssystem das Neue absorbiert, sollten wir sprechen.

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