Nestlé kaufte Freshly im Oktober 2020, mitten in der Pandemie, als Einstieg in den Direktvertrieb von Mahlzeiten. Im November 2022 gab der Konzern die Mehrheit an ein Gemeinschaftsunternehmen ab. Im Januar 2023 stellte Freshly die Lieferungen ein.
Was gekauft wurde
Am 30. Oktober 2020 übernahm Nestlé USA den Lieferdienst Freshly vollständig. Der Konzern zahlte 950 Millionen US-Dollar und sagte bis zu 550 Millionen US-Dollar zusätzlich zu, falls das Geschäft wie geplant wuchs – ein sogenannter Earn-out. Nestlé kannte das Unternehmen: Seit 2017 hielt es rund 16 Prozent, um den Markt zu beobachten.
Gründer Michael Wystrach blieb zunächst Chef. Er kündigte den Kunden an, das Angebot auszubauen und Freshly eigenständig weiterzuführen; Nestlé-Produkte sollten nicht in die Mahlzeiten einziehen.
Warum: die Value Proposition
Nestlé-USA-Chef Steve Presley begründete den Kauf mit dem Verhalten der Verbraucher: Sie kauften online und äßen zuhause wie nie zuvor – eine Entwicklung, die die Pandemie ausgelöst habe, die aber langfristig bleiben werde. Freshly sollte Nestlé den Zugang zu dieser neuen Realität des US-Marktes beschleunigen.
Gekauft wurde also kein Produkt, sondern ein Vertriebsmodell. Kunden bestellen im Abo, das Unternehmen kocht, verpackt und liefert selbst und kennt jeden Kunden mit Namen, Bestellrhythmus und Kündigungsrisiko. Ein Konzern, der über Supermärkte verkauft, hat diese Beziehung nicht.
Was danach geschah
Ein Jahr nach dem Closing, im Oktober 2021, gab Wystrach den CEO-Posten ab und wurde Berater des Boards. Nachfolgerin wurde Anna Fabrega, die im Januar 2021 von Amazon zu Freshly gekommen war. Sie berichtete direkt an Presley. Gründe für den Wechsel nannte Wystrach nicht.
Parallel drehte der Markt. Die Pandemie ließ nach, Verbraucher kehrten in Restaurants zurück, die Werbekosten für Neukunden stiegen. Ein Nestlé-Sprecher sagte im November 2022, seit der Übernahme habe sich das Umfeld dramatisch verändert, auch die Kostenmodelle im Direktvertrieb; Freshly habe die erhoffte Größe und Leistung nicht erreicht.
Im November 2022 brachte Nestlé Freshly in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Großküchen-Hersteller Kettle Cuisine ein. Die Beteiligungsgesellschaft L Catterton übernahm die Führung, Nestlé behielt 41 Prozent. Eine Woche später erklärte Konzernchef Mark Schneider vor Investoren, die Übernahme habe ihre Ziele nicht vollständig erreicht: Ein reiner Direktvertriebskanal sei für ein Geschäft dieser Art angesichts steigender Akquisitionskosten und sinkender Kundenbindung nach der Pandemie schlicht zu schmal. Nestlés Finanzchef zählte Freshly im selben Termin zu den zwei Zukäufen, die das Renditeziel des Konzerns verfehlt hatten.
Im Januar 2023 stellte Freshly die Lieferungen ein. In Meldungen an die Arbeitsbehörden in New York, Arizona und Maryland wurden zusammen 921 Stellen angezeigt.
Im Mai 2023 verklagten frühere Investoren Nestlé USA in Delaware. Sie fordern die Earn-out-Zahlungen und behaupten, Nestlé habe den Gründer zum Rücktritt gedrängt, um diese Zahlungen zu vermeiden. Nestlé nennt die Klage unbegründet und erklärt, weit über seine Pflichten hinaus in Freshly investiert zu haben.
Das ist wahrscheinlich der Punkt, an dem uns das Umfeld von 2020 getäuscht hat: Wir hatten damals noch sehr viel niedrigere Kundenakquisitionskosten in dieser von Cookies dominierten Welt der Datengewinnung.
— Mark Schneider, CEO Nestlé, Investor Seminar in Barcelona, 29. November 2022 (übersetzt)