Beauty & D2C

Henkel Invincible Brands

2020 – 2022 über 300 Mio. EUR für 75 Prozent (laut Medienberichten) 4 Min. Lesezeit
Gekauft für digitale Fähigkeiten. Nach 28 Monaten verkauft.

Organizational Immune Design fragt bei jedem Zukauf: Was fließt vom Käufer durch, was bleibt geschützt? Sechs Nahtstellen, an denen das entschieden wird.

Käufer Henkel Konsumgüter- und Klebstoffkonzern aus Düsseldorf (Persil, Schwarzkopf, Loctite); das Konsumgütergeschäft läuft über den Einzelhandel
Zukauf Invincible Brands Berliner Gruppe mit den Beauty-Marken HelloBody, Banana Beauty und Mermaid+Me, 2015 gegründet, Verkauf direkt an Konsumenten über Social Media; 2020 rund 100 Mio. EUR Umsatz, 180 Mitarbeiter, über 1,5 Mio. aktive Kunden
Kaufpreis über 300 Mio. EUR für 75 Prozent (laut Medienberichten)
Value Proposition Digitale Fähigkeiten, die Henkel nach eigener Aussage ergänzen wollte: Performance Marketing, Analytics und schnelle Innovation im Direktvertrieb an Konsumenten
Wo es riss Governance & Kapitalallokation Das Kerngeschäft des Käufers entscheidet über Budget, Priorität und Verbleib des Zukaufs.
Was daraus wurde Verloren Henkel verkaufte die drei Marken im Dezember 2022 an ein anderes D2C-Unternehmen. Ob die Value Propositionen in den 28 Monaten auf Henkel-Marken übertragen wurden, ist nicht dokumentiert. Die Marken existieren beim neuen Eigentümer weiter. Was vor dem Closing festzulegen war ↓

Henkel übernahm im Juli 2020 die Mehrheit an drei Beauty-Marken, die ihre Produkte direkt über Social Media verkauften, und nannte als Ziel ausdrücklich digitale Fähigkeiten. 2022 legte der Konzern zwei Divisionen zusammen und kündigte an, Marken abzugeben. Im Dezember 2022 gehörten die drei Marken dazu.

Im Rahmen unseres strategischen Rahmens für ganzheitliches Wachstum verfolgen wir wertsteigernde Akquisitionen, um unsere Geschäfte zu stärken.

— Carsten Knobel, Vorstandsvorsitzender Henkel, Pressemitteilung zur Übernahme, 31. Juli 2020

Was gekauft wurde

Am 31. Juli 2020 gab Henkel bekannt, 75 Prozent an der Invincible Brands Holding zu übernehmen, dem Berliner Unternehmen hinter HelloBody, Banana Beauty und Mermaid+Me. Der Kaufpreis wurde nicht genannt; Medien berichteten von mehr als 300 Millionen Euro.

Die Gründer Bjoern Keune und Gennadi Tschernow sollten an Bord bleiben und hielten mit dem Investor capital D die übrigen 25 Prozent. Keune sagte, die Verbindung der eigenen Fähigkeiten im Direktvertrieb und Social-Media-Marketing mit Henkels Forschung, Produktwissen und internationaler Präsenz sei eine Gewinnformel.

Warum: die Value Proposition

Henkel verkauft Cremes und Haarpflege seit Jahrzehnten, über den Handel. Die drei Marken verkauften ohne Handel: direkt an Konsumenten, über Instagram und Influencer, mit Produkten, die in Wochen entwickelt wurden, und mit Kundendaten statt Marktforschung.

Henkel benannte das Ziel in der eigenen Mitteilung: Der Zukauf solle starke digitale Fähigkeiten bei Performance Marketing, Analytics und schneller Innovation ergänzen. Ein Jahr später präzisierte Beauty-Marketingchef Rik Strubel, man wolle Erkenntnisse und Umsatz. Henkel lasse die Marken eigenständig arbeiten und wolle von ihnen lernen; das Gelernte solle in einen internen Inkubator und in Mischmodelle aus Direktvertrieb und Online-Handel fließen.

Was danach geschah

Am 28. Januar 2022 kündigte Henkel einen Umbau des Konsumgütergeschäfts an. Die Divisionen Laundry & Home Care und Beauty Care sollten zu einer Einheit, Henkel Consumer Brands, zusammengelegt werden. Zugleich wollte der Konzern Marken abgeben, die nicht mehr ins Portfolio passten; erste Schritte im Beauty-Portfolio waren für 2022 angekündigt.

Anfang Dezember 2022, 28 Monate nach dem Kauf, wurde bekannt, dass HelloBody, Banana Beauty und Mermaid+Me an Grenion gehen, ein Mannheimer Unternehmen, das selbst Marken im Direktvertrieb führt. Der Verkaufspreis wurde nicht veröffentlicht. Für Grenion war es die erste Übernahme einer Strategie, die auf Zukäufe setzt. Ob und wann die Gründer Invincible Brands verlassen hatten, ist nicht datiert; Keune spricht rückblickend davon, nach einiger Zeit ausgestiegen zu sein.

Was in den 28 Monaten geschah, ist von außen kaum sichtbar. Henkel weist die Marken nicht gesondert aus. Ein Branchenmedium schrieb beim Verkauf, es sei seit der Übernahme wiederholt zu hören gewesen, dass es nicht rund laufe. Keune sagte im März 2024 rückblickend, das Geschäft habe sich deutlich schlechter entwickelt als erwartet, der Markt habe sich grundlegend verändert. Invincible Brands sei eine Vertriebsorganisation gewesen, die man zu einer Produktorganisation hätte umbauen müssen, und das dauere.

Ob Henkel in dieser Zeit die Fähigkeiten übernommen hat, für die es gezahlt hatte, ist nicht dokumentiert. Dokumentiert ist, dass ein Zukauf, der 2020 als Ergänzung der eigenen Fähigkeiten präsentiert wurde, 2022 Teil einer Portfolio-Bereinigung war.

28 Monate von der Übernahme bis zum Weiterverkauf
75 % → 0 % Anteil Henkels an den drei Marken, 2020 bis 2022
2 → 1 Konsumgüter-Divisionen bei Henkel nach dem Umbau 2022

Chronologie

  1. 31. Juli 2020 Henkel übernimmt 75 Prozent an Invincible Brands. Ziel laut Mitteilung: digitale Fähigkeiten ergänzen. Die Gründer sollen an Bord bleiben und halten mit dem Investor capital D die restlichen Anteile.
  2. Aug. 2021 Henkels Beauty-Marketingchef Rik Strubel: Man wolle von den Marken lernen und lasse sie eigenständig arbeiten; Erkenntnisse sollen in einen internen Inkubator und in Hybridmodelle fließen.
  3. 28. Jan. 2022 Henkel kündigt an, Laundry & Home Care und Beauty Care zu Henkel Consumer Brands zusammenzulegen und Marken abzugeben, die nicht mehr ins Portfolio passen.
  4. Dez. 2022 Verkauf an Grenion. HelloBody, Banana Beauty und Mermaid+Me gehen an das Mannheimer D2C-Unternehmen. Verkaufspreis nicht öffentlich.
  5. März 2024 Mitgründer Bjoern Keune sagt rückblickend, das Geschäft habe sich nach der Übernahme deutlich schlechter entwickelt als erwartet; der Markt habe sich verändert.

Unsere Lesart

Was der Fall für Organizational Immune Design zeigt

Der Fall zeigt die Nahtstelle Governance und Kapitalallokation. Dokumentiert ist die Reihenfolge: Ankündigung eines Konzernumbaus mit Portfolio-Bereinigung im Januar 2022, Verkauf der drei Marken im Dezember. Der Fall legt nahe, dass die Entscheidung über den Zukauf in einer Runde fiel, die das gesamte Konsumgüterportfolio nach Größe und Passung sortierte, nicht in einer Runde, die fragte, ob der Fähigkeitentransfer abgeschlossen war. Wer über Fortführung entscheidet, entscheidet über den Wert. Hier entschied der Konzernumbau.

Sekundär Steuerung und Organisation. Henkel hatte 2020 Fähigkeiten gekauft, keine Umsätze; woran diese Fähigkeiten gemessen wurden, ist nicht öffentlich. Eine mögliche Erklärung ist, dass ein Geschäft, das sich schlechter entwickelte als erwartet, an seinem Umsatzbeitrag gemessen wurde und nicht an dem, was Henkel daraus lernte. Und die Zusammenlegung zweier Divisionen ist die Art von Harmonisierung, in der eine kleine, eigenständige Einheit ihren Sonderstatus verlieren kann. Belegt ist beides nicht.

Was wir nicht wissen

  • Ob Henkel D2C-Fähigkeiten übertragen hat. Der 2021 angekündigte Inkubator und die Hybridmodelle sind öffentlich nicht nachverfolgbar.
  • Wie sich die drei Marken zwischen 2020 und 2022 wirtschaftlich entwickelten. Henkel weist sie nicht aus; Keune spricht rückblickend von einer deutlich schlechteren Entwicklung als erwartet.
  • Wie stark der Markt selbst den Ausschlag gab. Keune nennt ein grundlegend verändertes Umfeld für Influencer-getriebene Marken; Kosten für Performance Marketing stiegen nach 2021 branchenweit.
  • Ob der Verkauf für Henkel ein Verlustgeschäft war. Weder Kaufpreis noch Verkaufspreis sind offiziell bestätigt.

Für Ihren Deal

Wenn Sie gerade kaufen: Prüfen Sie vor dem Closing, ob diese Festlegungen bei Ihnen im Kaufvertrag, im Beirat oder im Budgetprozess verankert sind – nicht nur in der Pressemitteilung.

  • Governance & Kapitalallokation: Der Zukauf fällt nicht automatisch in die Portfolio-Runde (Nur bis zu einer Schwelle übernehmen)
  • Organisation: Der Transfer in die andere Richtung, als Projekt mit Schnittstelle (Verbinden statt ersetzen)
  • Führung: Zeit für den Umbau, den die Gründer für nötig hielten (Beim Zukauf lassen)
Zur vollständigen Festlegung ↓

Organizational Immune Design

Was Henkel vor dem Closing hätte festlegen müssen

Organizational Immune Design legt vor dem Kauf für jede Nahtstelle fest, was der Zukauf vom Käufer übernimmt und was bei ihm bleibt. So hätte die Festlegung an den entscheidenden Nahtstellen aussehen können:

  • Nur bis zu einer Schwelle übernehmen Filtern

    Der Zukauf fällt nicht automatisch in die Portfolio-Runde

    Wer Fähigkeiten kauft, hätte vor dem Closing festlegen müssen, dass die Entscheidung über Fortführung oder Verkauf nur über eine definierte Instanz läuft, etwa den Sponsor im Vorstand, und erst nach einem definierten Zeitraum. Ein Konzernumbau hätte diese Regel nicht aufheben dürfen.

  • Verbinden statt ersetzen Übersetzen

    Der Transfer in die andere Richtung, als Projekt mit Schnittstelle

    Wenn das Ziel war, von den Marken zu lernen, hätte dieser Transfer eine Schnittstelle gebraucht: Wer bei Henkel lernt was, bis wann, gemessen woran. Henkel hat 2021 einen Inkubator und Hybridmodelle genannt. Ob daraus ein Projekt mit Verantwortlichen wurde, ist nicht bekannt.

  • Beim Zukauf lassen Schützen

    Zeit für den Umbau, den die Gründer für nötig hielten

    Keune beschreibt Invincible Brands rückblickend als Vertriebsorganisation, die zu einer Produktorganisation hätte werden müssen, und dass das dauert. Diese Entscheidung und ihr Zeitplan hätten bei den Gründern liegen müssen, geschützt vor dem Kalender des Konzerns.

Die Immune-Design-Frage

Welche Regel hätte 2020 festgelegt, dass eine Portfolio-Bereinigung den Zukauf erst erfasst, wenn der Fähigkeitentransfer abgeschlossen oder ausdrücklich beendet ist?

Quellen

  1. Henkel, Pressemitteilung, 31. Juli 2020: „Henkel übernimmt Mehrheitsbeteiligung an schnell wachsendem ‚Direct-to-Consumer‘ (D2C)-Geschäft“ — 75 Prozent, Marken, Umsatz, Mitarbeiter, Kunden, Fähigkeiten (Performance Marketing, Analytics, schnelle Innovation), Verbleib der Gründer, capital D, Knobel-Zitat im Wortlaut, Keune-Zitat
  2. deutsche-startups.de, 18. August 2020: „Invincible Brands: Henkel zahlt mehr als 300 Millionen“ — Kaufpreis laut Bericht, Henkel bestätigt den Preis nicht
  3. absatzwirtschaft, 11. August 2021: „D2C-Geschäft bei Henkel: ‚Wollen Insights, aber auch Sales‘“ — Rik Strubel zu Lernziel, Eigenständigkeit der Marken, Inkubator und Hybridmodellen
  4. Henkel, Investor-Relations-Mitteilung, 28. Januar 2022: „Henkel plans to merge Laundry & Home Care and Beauty Care to create new ‚Consumer Brands‘ business unit“ — Zusammenlegung der Divisionen, Abgabe von Marken, die nicht mehr ins Portfolio passen, erste Schritte im Beauty-Portfolio 2022
  5. deutsche-startups.de, 1. Dezember 2022: „Grenion kauft Henkel HelloBody und Co. ab“ — Verkauf an Grenion, Verkaufspreis nicht genannt
  6. Startbase, 2. Dezember 2022: „Grenion kauft Hellobody, Banana Beauty und Mermaid+Me“ — Käufer, erste Übernahme einer Buy-and-Build-Strategie
  7. OMR Daily, 24. März 2024: „Unglücklich trotz 300 Millionen-Exit: Wie dieser Gründer mit Breathwork Drogen und Pornos hinter sich ließ“ — Keune rückblickend zur Entwicklung nach der Übernahme, Zitat zur Vertriebs- und Produktorganisation, verändertes Marktumfeld
  8. Hinweis — Kaufpreis 2020 und Verkaufspreis 2022 sind nicht offiziell bestätigt; alle Preisangaben stammen aus Medienberichten. Der Verkauf wurde am 1. und 2. Dezember 2022 gemeldet; der Vertragstag ist nicht öffentlich.

Dokumentierte Fakten stammen aus den genannten Quellen. Die Abschnitte „Unsere Lesart" und „Was Henkel vor dem Closing hätte festlegen müssen" sind unsere Interpretation.

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