Industrie & Technologie

Bosch Seeo

2015 – 2018 nicht öffentlich 4 Min. Lesezeit
Gekauft für 2020. Zum Verkauf gestellt 2018.

Organizational Immune Design fragt bei jedem Zukauf: Was fließt vom Käufer durch, was bleibt geschützt? Sechs Nahtstellen, an denen das entschieden wird.

Käufer Bosch Technologie- und Zulieferkonzern aus Stuttgart, 2017 rund 78 Mrd. EUR Umsatz und 402.000 Mitarbeiter
Zukauf Seeo Batterie-Startup aus Hayward, Kalifornien, 2007 mit einer Lizenz des Lawrence Berkeley National Laboratory gegründet, finanziert u. a. von Khosla Ventures, Samsung Ventures und Google.org
Kaufpreis nicht öffentlich
Value Proposition Eine Festkörperbatterie-Technologie mit festem Polymer-Elektrolyt, samt Patenten, Forschungsteam und Pilotlinie
Wo es riss Governance & Kapitalallokation Das Kerngeschäft des Käufers entscheidet über Budget, Priorität und Verbleib des Zukaufs.
Was daraus wurde Nicht feststellbar Bosch beschloss 2018, Seeo zu verkaufen. Ob und an wen verkauft wurde und was aus Team und Patenten geworden ist, ist öffentlich nicht dokumentiert. Bosch fertigt bis heute keine eigenen Batteriezellen. Was vor dem Closing festzulegen war ↓

Bosch kaufte 2015 das kalifornische Startup Seeo und kündigte an, die Energiedichte von Batteriezellen bis 2020 mehr als zu verdoppeln. Im Februar 2018 entschied der Konzern, keine eigenen Zellen zu fertigen, und stellte Seeo zum Verkauf. Was aus Seeo wurde, ist nicht bekannt.

Was gekauft wurde

Im August 2015 übernahm Bosch das kalifornische Startup Seeo: die Patente, die Pilotlinie in Hayward und alle Mitarbeiter. Der Kaufpreis wurde nicht offengelegt. Seeo hatte acht Jahre lang an einer Batterie gearbeitet, bei der ein festes Polymer den flüssigen Elektrolyten herkömmlicher Lithium-Ionen-Zellen ersetzt.

Auf der IAA im September 2015 stellte Bosch die Technologie vor. Konzernchef Volkmar Denner nannte die Festkörperzelle eine mögliche Durchbruchstechnologie. Das Ziel: Energiedichte und Reichweite bis 2020 mehr als verdoppeln, Kosten deutlich senken, Serienreife in fünf Jahren.

Warum: die Value Proposition

Bosch wollte bei einer Schlüsselkomponente der Elektromobilität eigenes Know-how haben. Die Batteriezelle bestimmt Reichweite, Preis und Sicherheit eines Elektroautos; wer sie beherrscht, ist nicht auf asiatische Zellhersteller angewiesen.

Was Bosch kaufte, war kein Produkt. Es war ein Forschungsteam mit einem Patentportfolio und einer Technologie, die im Labor und in Musterzellen funktionierte, aber nicht in der Fabrik. Der Wert lag in der Zeit: Jahre der Entwicklung mit offenem Ausgang, wie sie ein Startup von Wagniskapitalgebern finanziert bekommt.

Was danach geschah

Im Dezember 2017 prüfte Bosch öffentlich, ob es eine eigene Zellfertigung aufbauen sollte. Die Rechnung des Konzerns: Um bis 2030 einen Marktanteil von 20 Prozent zu erreichen, wären Kapazitäten von 200 Gigawattstunden nötig, eine Anfangsinvestition von rund 20 Milliarden Euro.

Am 28. Februar 2018 gab Bosch die Antwort: keine eigene Zellfertigung. Das wirtschaftliche Risiko sei zu hoch in einem Markt, den asiatische Hersteller bereits dominierten. Mit dieser Entscheidung wurde das Forschungs-Joint-Venture Lithium Energy and Power beendet, und Seeo sollte veräußert werden. Geschäftsführer Rolf Bulander sagte, für Bosch sei es wichtig, die Zelle technisch zu verstehen; die Forschungsausgaben, ein mittlerer dreistelliger Millionenbetrag, seien gut investiert.

Die Reaktion aus Berlin kam am nächsten Tag. Staatssekretär Matthias Machnig nannte den Rückzug einen industriepolitischen Rückschlag: Ein Standort wie Deutschland brauche bei einer Schlüsselkomponente der E-Mobilität eigenständiges Know-how und eigenständige Produktion. Bosch erklärte, es gebe bereits Interessenten für Seeo.

Im Juni desselben Jahres investierte Volkswagen 100 Millionen Dollar in QuantumScape, ein anderes Festkörperbatterie-Startup mit einem anderen technischen Ansatz. Der Technologiepfad, aus dem Bosch ausstieg, fand einen anderen Investor mit einem Horizont bis 2025.

Was aus Seeo wurde, ist öffentlich nicht dokumentiert. Bosch fertigt bis heute keine eigenen Zellen. Ob das eine richtige Kapitalentscheidung war, lässt sich nicht ausschließen. Was sich feststellen lässt: Eine Fähigkeit, die 2015 mit einem Horizont von fünf Jahren gekauft wurde, stand nach zweieinhalb Jahren zum Verkauf, begründet mit den Kosten einer Fabrik, die nie gebaut wurde.

5 → 2,5 Jahre angekündigter Weg zur Serienreife gegenüber tatsächlicher Haltedauer
0 öffentlich dokumentierte Käufer seit dem Verkaufsbeschluss 2018

Für Bosch ist es wichtig, die Zelle technisch zu verstehen, fertigen müssen wir sie nicht.

— Rolf Bulander, Geschäftsführer Robert Bosch GmbH, Pressemitteilung, 28. Februar 2018

Chronologie

  1. Aug. 2015 Bosch übernimmt Seeo mit Patenten, Mitarbeitern und Pilotlinie. Kaufpreis nicht offengelegt.
  2. Sept. 2015 Bosch stellt die Festkörperzelle auf der IAA vor. Ziel: Energiedichte bis 2020 mehr als verdoppeln, Kosten deutlich senken, Serienreife in fünf Jahren.
  3. Dez. 2017 Bosch prüft öffentlich eine eigene Zellfertigung mit 200 Gigawattstunden Kapazität.
  4. 28. Feb. 2018 Bosch entscheidet gegen eigene Zellfertigung. Seeo soll veräußert werden, das Forschungs-Joint-Venture Lithium Energy and Power wird beendet.
  5. 1. März 2018 Staatssekretär Matthias Machnig nennt den Rückzug einen industriepolitischen Rückschlag. Bosch spricht von Interessenten für Seeo.
  6. Juni 2018 Volkswagen investiert 100 Mio. USD in das Festkörperbatterie-Startup QuantumScape.

Unsere Lesart

Was der Fall für Organizational Immune Design zeigt

Der Fall zeigt die Nahtstelle Governance und Kapitalallokation. Die Entscheidung vom Februar 2018 war eine Entscheidung über eine Fabrik: Bosch rechnete vor, was eine eigene Zellfertigung in großem Maßstab kosten würde, und verneinte sie. Das kann rationale Kapitalallokation gewesen sein; der Markt für Zellen war von asiatischen Herstellern besetzt, und Bosch hat den Ausstieg bis heute nicht revidiert. Der Fall legt aber nahe, dass mit der Fabrikfrage auch die Forschungsfrage beantwortet wurde. Seeo war zweieinhalb Jahre zuvor mit einem Horizont von fünf Jahren gekauft worden. Wer über die Fortführung entscheidet, entscheidet über den Wert, und hier entschied das Kerngeschäft über eine Wette, deren Auszahlung noch ausstand.

Sekundär Steuerung. Eine mögliche Erklärung ist, dass eine Frühphasen-Technologie mit den Maßstäben eines Serienfertigers bewertet wurde: erreichbarer Marktanteil, Anfangsinvestition, Rückfluss. Welche Kriterien Bosch intern an Seeo anlegte, ist nicht dokumentiert. Dokumentiert ist, dass die öffentliche Begründung des Ausstiegs ausschließlich mit Fabrikzahlen arbeitete.

Was wir nicht wissen

  • Ob Seeos Technologie 2020 serienreif gewesen wäre. Auch andere Festkörper-Ansätze haben ihre Zeitpläne seither mehrfach verschoben.
  • Ob der Ausstieg aus der Zellfertigung wirtschaftlich richtig war. Bosch hat die Entscheidung nie zurückgenommen; eine eigene Fertigung hätte Milliarden gebunden.
  • Was aus Seeo wurde. Bosch sprach im März 2018 von Interessenten; ein Verkauf, eine Schließung oder eine Weiterführung sind öffentlich nicht belegt.
  • Der Kaufpreis und die Investitionen in Seeo nach 2015. Bosch nannte für die gesamte Zellforschung einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag.

Für Ihren Deal

Wenn Sie gerade kaufen: Prüfen Sie vor dem Closing, ob diese Festlegungen bei Ihnen im Kaufvertrag, im Beirat oder im Budgetprozess verankert sind – nicht nur in der Pressemitteilung.

  • Steuerung: Fabrikmaßstäbe erst ab einem definierten Meilenstein (Nur bis zu einer Schwelle übernehmen)
  • Governance & Kapitalallokation: Ein Exit-Pfad, der die Fähigkeit erhält (Verbinden statt ersetzen)
Zur vollständigen Festlegung ↓

Organizational Immune Design

Was Bosch vor dem Closing hätte festlegen müssen

Organizational Immune Design legt vor dem Kauf für jede Nahtstelle fest, was der Zukauf vom Käufer übernimmt und was bei ihm bleibt. So hätte die Festlegung an den entscheidenden Nahtstellen aussehen können:

  • Vom Käufer übernehmen Durchlassen

    Musterfertigung, Prüfstände, Zugang zu Fahrzeugherstellern

    Was ein Batterie-Startup für den Schritt vom Labor zur Zelle braucht und was Bosch hatte: Fertigungserfahrung, Testinfrastruktur, Kunden in der Automobilindustrie. Das hätte ungefiltert fließen müssen, und für die Zeit bis 2018 spricht nichts dagegen, dass es das tat.

  • Nur bis zu einer Schwelle übernehmen Filtern

    Fabrikmaßstäbe erst ab einem definierten Meilenstein

    Wer Frühphasen-Technologie kauft, hätte vor dem Closing festlegen müssen, welche Kriterien in den ersten Jahren gelten: technische Meilensteine, nicht Fabrikrenditen. Und ab welchem Punkt die Frage nach Kapazität und Marktanteil überhaupt gestellt wird. Bosch hatte 2015 selbst einen Horizont genannt: 2020.

  • Verbinden statt ersetzen Übersetzen

    Ein Exit-Pfad, der die Fähigkeit erhält

    Wenn der Konzern die Fabrik nicht bauen will, hätte für die Forschung eine definierte Konsequenz existieren müssen: Ausgründung mit Bosch-Beteiligung, Einstieg eines Partners, Lizenzmodell. Diese Optionen gehören in den Kaufvertrag. Ob Bosch sie geprüft hat, ist nicht bekannt; öffentlich wurde nur der Verkaufsbeschluss.

Die Immune-Design-Frage

Welche Regel hätte 2015 verhindert, dass die Entscheidung über eine Fabrik zugleich die Entscheidung über die Forschung war?

Quellen

  1. Fortune, 27. August 2015: „Why Bosch is buying Silicon Valley battery startup Seeo“ — Übernahme von Patenten, Pilotlinie in Hayward und allen Mitarbeitern, Kaufpreis nicht offengelegt, Investoren, Gründung 2007, Polymer-Elektrolyt
  2. Automobil Produktion, 15. September 2015: „Bosch sieht Durchbruch bei Batterien für E-Autos“ — Denner auf der IAA: Energiedichte bis 2020 mehr als verdoppelt, Kosten deutlich gesenkt, Serienreife 2020
  3. Electrek, 15. Dezember 2017: „Bosch is considering a major €20 billion investment in 200 GWh of battery cell production“ — Prüfung einer eigenen Zellfertigung im Dezember 2017
  4. Bosch Media Service, 28. Februar 2018: „Batteriezellen: Bosch setzt auf Zukauf statt Eigenfertigung“ — 20 Mrd. EUR Anfangsinvestition für 200 GWh und 20 Prozent Marktanteil bis 2030, Verkaufsabsicht für Seeo, Ende von LEAP, Bulander-Zitat im Wortlaut
  5. Edison, 28. Februar 2018: „Akku leer: Bosch steigt aus Zellforschung aus“ — Forschungsausgaben im mittleren dreistelligen Millionenbereich laut Bulander, Musterfertigung
  6. Industriemagazin, 1. März 2018: „Entscheidung für Jahrzehnte: Bosch gegen eigene Produktion von Autobatterien“ — Machnig-Zitat, Interessenten für Seeo laut Bosch
  7. electrive.com, 21. Juni 2018: „VW secures solid-state technology from QuantumScape“ — 100 Mio. USD, Serienfertigung als Ziel für 2025
  8. Bosch Media Service, 2018: „Erfolgreiches Geschäftsjahr 2017: Bosch steigert Umsatz und Rendite deutlich“ — Umsatz 78,1 Mrd. EUR, rund 402.000 Mitarbeiter
  9. Hinweis — Der Kaufpreis für Seeo wurde nie offengelegt. Ob und an wen Seeo nach 2018 verkauft wurde, ist öffentlich nicht dokumentiert. QuantumScape verfolgt einen anderen Festkörper-Ansatz (keramischer Separator) als Seeo (Polymer-Elektrolyt).

Dokumentierte Fakten stammen aus den genannten Quellen. Die Abschnitte „Unsere Lesart" und „Was Bosch vor dem Closing hätte festlegen müssen" sind unsere Interpretation.

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