Mobility & Sharing · Eigengründung

Bosch → Coup

2016 – 2019 Eigengründung, Investition nicht öffentlich 4 Min. Lesezeit
Nach eigener Aussage wachsend. Eingestellt.

Organizational Immune Design fragt bei jedem Zukauf: Was fließt vom Käufer durch, was bleibt geschützt? Sechs Nahtstellen, an denen das entschieden wird.

Käufer Bosch Technologie- und Zulieferkonzern aus Stuttgart, 2018 rund 78 Mrd. EUR Umsatz und 410.000 Mitarbeiter; Coup war sein erstes reines Endkundengeschäft im Mobilitätssektor
Zukauf Coup E-Roller-Sharing mit Gogoro-Rollern aus Taiwan, 100-prozentige Bosch-Tochter mit Sitz in Berlin, 2019 rund 5.000 Roller in Berlin, Paris, Madrid und Tübingen, 120 Mitarbeiter
Kaufpreis Eigengründung, Investition nicht öffentlich
Value Proposition Ein Endkundengeschäft, das Bosch nicht hatte: Sharing-Dienst mit eigener Marke, App, Flotte und täglichem Betrieb
Wo es riss Governance & Kapitalallokation Das Kerngeschäft des Käufers entscheidet über Budget, Priorität und Verbleib des Zukaufs.
Was daraus wurde Verloren Für Bosch ist die Fähigkeit weg: Der Konzern betreibt seit 2019 keine Mobilitätsdienste für Endkunden mehr. Die Roller fuhren ab 2020 unter der Marke Tier weiter. Marke, App, Team und Betrieb von Coup wurden nicht übernommen. Was vor dem Closing festzulegen war ↓

Bosch gründete Coup 2016 selbst: ein E-Roller-Sharing, das in drei Jahren von 200 auf rund 5.000 Roller in vier Städten wuchs. Im November 2019 stellte Bosch den Dienst ein und erklärte, keine Mobilitätsdienste für Endkunden mehr betreiben zu wollen. Ein Wettbewerber kaufte die Flotte.

Coup ist natürlich seit 2016 ein Investitionsthema. Wir wachsen sehr stark.

— Bernd Schmaul, Geschäftsführer Coup, electrive.net, 11. März 2019

Was aufgebaut wurde

Coup war kein Zukauf. Im August 2016 gründete Bosch den Dienst selbst und stellte in Berlin 200 Elektroroller auf die Straße, die per App gefunden, gebucht und irgendwo im Stadtgebiet abgestellt werden konnten. Bosch-Geschäftsführer Markus Heyn sagte, mit Coup steige der Konzern erstmals in ein reines Endkunden- und Betreibergeschäft im Mobilitätssektor ein.

Wie viel Bosch in Coup investierte, wurde nie veröffentlicht. Der Dienst wurde als eigenständige Tochter mit eigener Marke geführt.

Warum: die Value Proposition

Bosch verkauft Technik an Fahrzeughersteller. Mit Coup wollte der Konzern nach eigener Aussage den Wandel der Mobilität mit eigenen Service-Lösungen mitgestalten: also nicht nur Komponenten liefern, sondern selbst einen Dienst betreiben und Endkunden gewinnen.

Das ist eine andere Fähigkeit als Zulieferung. Ein Sharing-Dienst lebt vom täglichen Betrieb: Batterien tauschen, Roller warten, Kunden betreuen, Preise je Stadt anpassen. Coup baute diese Fähigkeit von null auf, mit Rollern des taiwanischen Herstellers Gogoro, einer eigenen Buchungsplattform und Personal, das jeden Tag Batterien wechselte.

Was danach geschah

Coup wuchs. 2017 kam Paris, 2018 Madrid und die Universitätsstadt Tübingen. Im Februar 2019 kündigte der Dienst an, die Flotten in den drei Großstädten um je 500 Roller aufzustocken, auf rund 5.000 insgesamt. Im März 2019 sagte Geschäftsführer Bernd Schmaul, man sei mit der Auslastung zufrieden und konzentriere sich auf Wachstum. Nutzungs- und Umsatzzahlen nannte Coup nicht.

Am 25. November 2019 kündigte Coup das Ende an. Berlin und Tübingen sollten bis Mitte Dezember schließen, Paris und Madrid kurz danach. 120 Beschäftigte waren betroffen. Coup begründete den Schritt damit, dass eine Fortführung auf dem umkämpften Sharing-Markt bei hohen Kosten langfristig wirtschaftlich nicht möglich sei; der tägliche Betrieb mit Batterietausch und Kundenservice sei kostenintensiv.

Eine Bosch-Sprecherin nannte zugleich eine strategische Entscheidung: Der Konzern werde keine Mobilitätsdienste für Endkunden mehr selbst betreiben, sondern nur noch Anbieter solcher Dienste beliefern, mit Hardware, Software und Cloud-Diensten.

Im Februar 2020 übernahm der Berliner Anbieter Tier Mobility die rund 5.000 Roller und die Ladeinfrastruktur und brachte sie ab Mai unter eigener Marke zurück auf die Straße, zuerst in Berlin. Die Hardware fuhr weiter. Marke, App und Team von Coup nicht. Ob Bosch den Dienst als Ganzes angeboten hatte, bevor die Flotte verkauft wurde, ist nicht bekannt.

Für die Bewertung des Falls zählt beides: Coup war ein Geschäft mit hohen Kosten in einem schwierigen Markt. Und es war ein Geschäft, dessen Ende der Konzern mit seiner eigenen Rolle begründete, nicht mit den Zahlen des Dienstes.

200 → 5.000 Roller, 2016 bis 2019
1 → 4 Städte in drei Jahren
8 Monate von der Ankündigung weiteren Wachstums bis zur Einstellung

Chronologie

  1. Aug. 2016 Start in Berlin mit 200 Rollern. Bosch-Geschäftsführer Markus Heyn: Der Konzern wolle den Wandel der Mobilität mit eigenen Servicelösungen mitgestalten.
  2. 2017 – 2018 Expansion nach Paris, Madrid und Tübingen.
  3. Feb. 2019 Coup kündigt 1.500 zusätzliche Roller für Berlin, Paris und Madrid an.
  4. 25. Nov. 2019 Einstellung angekündigt. Berlin und Tübingen schließen bis Mitte Dezember, Paris und Madrid kurz danach. Bosch erklärt, keine Mobilitätsdienste für Endkunden mehr selbst betreiben zu wollen.
  5. Feb. 2020 Tier Mobility übernimmt die Roller und die Ladeinfrastruktur von Coup und setzt sie unter eigener Marke ein.

Unsere Lesart

Was der Fall für Organizational Immune Design zeigt

Der Fall zeigt die Nahtstelle Governance und Kapitalallokation. Coup war kein Zukauf, sondern eine Eigengründung: kein Gründer, dem etwas zugesagt wurde, keine fremde Kultur. Das macht den Fall klarer, nicht schwächer. Beendet wurde Coup nach eigener Darstellung aus zwei Gründen zugleich: hohe Kosten in einem umkämpften Markt und eine strategische Entscheidung des Konzerns, Zulieferer statt Betreiber zu sein. Der Fall legt nahe, dass die zweite Entscheidung nicht aus der Entwicklung von Coup kam, sondern aus einer Neudefinition der eigenen Rolle. Über Fortführung oder Abbruch entschied das Kerngeschäft über sich selbst.

Sekundär Steuerung. Sharing-Dienste brauchen Netzwerkdichte, bevor sie Geld verdienen, und Coup hat seine Kosten selbst als hoch bezeichnet. Eine mögliche Erklärung ist, dass ein Konzern mit einem stabilen Kerngeschäft für diese Phase keinen eigenen Maßstab hatte und die Renditefrage zu einem Zeitpunkt stellte, den ein Wagniskapitalgeber anders gewählt hätte. Ob und wann Coup profitabel geworden wäre, ist nicht dokumentiert.

Was wir nicht wissen

  • Ob Coup profitabel geworden wäre. Nutzungs-, Umsatz- und Verlustzahlen hat Bosch nicht veröffentlicht; die Aussagen zur Auslastung stammen von Coup selbst.
  • Wie hoch die Investition war und welche Kriterien Bosch an die Fortführung anlegte.
  • Ob Bosch versucht hat, Coup als Ganzes zu verkaufen, bevor die Flotte an Tier ging. Dokumentiert ist nur der Verkauf der Roller und der Ladeinfrastruktur.
  • Ob der Sharing-Markt 2019 eine Fortführung getragen hätte. Coup nannte ihn hart umkämpft, andere Anbieter kämpften im selben Jahr mit Verlusten.

Für Ihren Deal

Wenn Sie gerade kaufen: Prüfen Sie vor dem Closing, ob diese Festlegungen bei Ihnen im Kaufvertrag, im Beirat oder im Budgetprozess verankert sind – nicht nur in der Pressemitteilung.

  • Steuerung: Eigene Kennzahlen, ein eigener Zeitpunkt für die Renditefrage (Nur bis zu einer Schwelle übernehmen)
  • Governance & Kapitalallokation: Eine Regel für den Rollenwechsel des Konzerns (Verbinden statt ersetzen)
Zur vollständigen Festlegung ↓

Organizational Immune Design

Was Bosch vor dem Closing hätte festlegen müssen

Organizational Immune Design legt vor dem Kauf für jede Nahtstelle fest, was der Zukauf vom Käufer übernimmt und was bei ihm bleibt. So hätte die Festlegung an den entscheidenden Nahtstellen aussehen können:

  • Vom Käufer übernehmen Durchlassen

    Kapital, Einkauf, Technik

    Roller, Batterien, Ladeinfrastruktur, Finanzierung: Ohne diese Konzernressourcen hätte es Coup nicht gegeben. Sie hätten ungefiltert fließen müssen, und sie sind es nach allem, was dokumentiert ist, auch.

  • Nur bis zu einer Schwelle übernehmen Filtern

    Eigene Kennzahlen, ein eigener Zeitpunkt für die Renditefrage

    Auslastung pro Roller, Kosten pro Fahrt, Dichte pro Stadt, vor dem Start festgelegt, und ein Jahr, ab dem diese Zahlen in eine Renditefrage übersetzt werden. Bis dahin hätte die Konzernrendite als Maßstab nicht greifen dürfen. Ob Bosch einen solchen Zeitpunkt hatte, ist nicht bekannt.

  • Verbinden statt ersetzen Übersetzen

    Eine Regel für den Rollenwechsel des Konzerns

    Wenn Bosch entscheidet, kein Betreiber mehr zu sein, hätte daraus nicht die Schließung folgen müssen, sondern eine definierte Konsequenz: Ausgründung, Einstieg eines Partners, Verkauf des Ganzen. Dass ein Markt für die Roller existierte, hat Tier gezeigt. Ob es einen für Marke, App und Team gab, wurde öffentlich nicht geprüft.

Die Immune-Design-Frage

Welche Regel hätte 2016 festgelegt, was mit Coup geschieht, wenn Bosch seine Rolle als Betreiber aufgibt?

Quellen

  1. Bosch Media Service, 3. August 2016: „Bosch startet eScooter-Sharingdienst unter neuer Marke Coup“ — 100-prozentige Tochter, 200 Roller zum Start, Heyn-Zitate zum ersten Endkunden- und Betreibergeschäft und zum Wandel der Mobilität
  2. electrive.net, 28. Februar 2019: „Coup stockt Großstadt-Flotten um je 500 E-Scooter auf“ — Flotte je Stadt vor und nach Aufstockung, rund 3.600 auf rund 5.100 Roller
  3. electrive.net, 11. März 2019: „Interview mit Coup-CEO Schmaul: ‚Wir wachsen sehr stark.‘“ — Zitat im Wortlaut, Aussagen zu Auslastung und Wachstum
  4. electrive.net, 25. November 2019: „Bosch stellt E-Roller-Sharing Coup ein“ — Begründung von Coup im Wortlaut, 120 Mitarbeiter, Zeitplan für die vier Städte
  5. Handelsblatt, 25. November 2019: „Mietroller-Anbieter Coup stellt Betrieb ein“ — Bosch-Sprecherin: strategische Entscheidung, keine Mobilitätsdienste für Endkunden mehr, künftig Zulieferer
  6. electrive.net, 26. Februar 2020: „Tier Mobility kauft E-Roller von Coup & plant Sharing-Dienst“ — Übernahme von rund 5.000 Rollern und der Ladeinfrastruktur durch Tier
  7. ecomento.de, 7. Mai 2020: „Tier Mobility flottet ausgemusterte E-Roller von Coup in Berlin ein“ — Einsatz der Coup-Roller unter der Marke Tier ab Mai 2020 in Berlin
  8. Bosch Media Service, 30. Januar 2019: „Bosch: Umsatz und Ergebnis 2018 erneut auf Rekordniveau“ — Umsatz 77,9 Mrd. EUR, 410.000 Mitarbeiter
  9. Hinweis — Die Höhe der Bosch-Investition in Coup ist nicht öffentlich. Nutzungs- und Umsatzzahlen wurden nicht veröffentlicht. Die Flottenzahl von rund 5.000 Rollern ergibt sich aus der Aufstockung vom Februar 2019 und den Berichten zur Einstellung.

Dokumentierte Fakten stammen aus den genannten Quellen. Die Abschnitte „Unsere Lesart" und „Was Bosch vor dem Closing hätte festlegen müssen" sind unsere Interpretation.

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