Mobility & Sharing · Joint Venture

Daimler / BMW → Share Now

2008 – 2022 Joint Venture; 2019 über 1 Mrd. EUR für fünf Mobilitäts-Joint-Ventures; Verkaufspreis 2022 nicht öffentlich 4 Min. Lesezeit
Erfunden, fusioniert, verkauft. Der Dienst läuft weiter.

Organizational Immune Design fragt bei jedem Zukauf: Was fließt vom Käufer durch, was bleibt geschützt? Sechs Nahtstellen, an denen das entschieden wird.

Käufer Daimler / BMW Zwei Automobilkonzerne, die ihre Carsharing-Dienste car2go (Daimler, seit 2008) und DriveNow (BMW, seit 2011) im Februar 2019 zu Share Now zusammenlegten
Zukauf Share Now Free-Floating-Carsharing mit Sitz in Berlin: Autos ohne Station, per App gebucht, im Stadtgebiet abgestellt; 2019 rund 20.000 Fahrzeuge in 31 Städten und 4 Mio. Kunden
Kaufpreis Joint Venture; 2019 über 1 Mrd. EUR für fünf Mobilitäts-Joint-Ventures; Verkaufspreis 2022 nicht öffentlich
Value Proposition Ein Endkundengeschäft mit städtischer Flotte, App und Betrieb, das Autos nach Minuten verkauft statt nach Stück
Wo es riss Governance & Kapitalallokation Das Kerngeschäft des Käufers entscheidet über Budget, Priorität und Verbleib des Zukaufs.
Was daraus wurde Übertragen Das Geschäft existiert weiter: Share Now wurde im Juli 2022 Teil von Free2move, der Mobilitätsmarke von Stellantis, mit Marke, Flotte und Führungsteam. Für Daimler und BMW ist die Fähigkeit abgegeben. Ein Wertverlust ist nicht dokumentiert; der Verkaufspreis ist nicht öffentlich. Was vor dem Closing festzulegen war ↓

Daimler startete 2008 mit car2go das stationslose Carsharing, BMW zog 2011 mit DriveNow nach. 2019 legten beide Konzerne die Dienste zu Share Now zusammen. Drei Jahre später verkauften sie das Joint Venture an Stellantis, um sich auf andere Mobilitätsdienste zu konzentrieren.

Was aufgebaut wurde

Share Now war kein Zukauf. Es war die Zusammenlegung zweier Dienste, die beide Konzerne selbst aufgebaut hatten. Daimler begann im Oktober 2008 in Ulm mit car2go: Kleinwagen, die ohne Station gemietet und irgendwo im Stadtgebiet abgestellt werden konnten, zuerst für Mitarbeiter, ab 2009 für alle. BMW folgte 2011 mit DriveNow, einem gemeinsamen Unternehmen mit dem Autovermieter Sixt. Im Januar 2018 kaufte BMW den Sixt-Anteil.

Im Februar 2019 legten Daimler und BMW ihre Mobilitätsdienste zusammen: fünf Joint Ventures für Carsharing, Fahrdienste, Parken, Laden und eine gemeinsame App, mit Sitz in Berlin. Beide Konzerne kündigten an, zusammen über eine Milliarde Euro zu investieren. Share Now, aus car2go und DriveNow, war das größte der fünf.

Warum: die Value Proposition

Ein Autohersteller verkauft Fahrzeuge. Carsharing verkauft Minuten. Das ist ein anderes Geschäft: Es braucht eine Flotte, die ausgelastet sein muss, eine App, Beziehungen zu Stadtverwaltungen und einen täglichen Betrieb, der Autos reinigt, tankt, lädt und umverteilt.

Beide Konzerne hatten diese Fähigkeit über Jahre aufgebaut, jeder für sich. Die Zusammenlegung sollte ihr Größe geben: Nach eigener Darstellung wollten die Gesellschafter Wachstumschancen nutzen und Investitionsrisiken teilen. BMW-Chef Harald Krüger sprach von einem nahtlos integrierten Ökosystem mit einer elektrischen, später selbstfahrenden Flotte. Wie das Joint Venture zwischen zwei Eigentümern gesteuert werden sollte, sagten beide nicht.

Was danach geschah

Zehn Monate nach der Fusion, im Dezember 2019, kündigte Share Now den Rückzug aus Nordamerika an: New York, Montreal, Seattle, Washington, Vancouver, dazu London, Brüssel und Florenz. Für Nordamerika nannte das Unternehmen einen umkämpften, sich schnell verändernden Markt, steigende Betriebskosten und fehlende Infrastruktur; in den drei europäischen Städten sei der Kundenzuspruch trotz Investitionen zu gering für einen nachhaltigen Betrieb. 18 europäische Städte blieben.

Am 3. Mai 2022 gaben BMW und Mercedes-Benz Mobility bekannt, Share Now an Stellantis verkaufen zu wollen. Über den Preis wurde Stillschweigen vereinbart. Die Gesellschafter erklärten, sie wollten sich auf zwei Bereiche konzentrieren: die Mobilitäts-App Free Now und den Ladedienst Charge Now.

Am 18. Juli 2022 war der Verkauf abgeschlossen. Share Now wurde Teil von Free2move, der Mobilitätsmarke von Stellantis, mit rund 10.000 Fahrzeugen in 16 europäischen Städten. Marke und Führungsteam blieben; der Geschäftsführer führte den Dienst unter dem neuen Eigentümer weiter.

Für die beiden Konzerne, die das stationslose Carsharing aufgebaut hatten, war das Engagement nach 14 Jahren beendet. Für das Geschäft selbst nicht. Der Fall unterscheidet sich damit von einem Zukauf, der im Käufer verschwindet: Verkauft wurde ein funktionierender Dienst, mit Kunden, Flotte und Führung. Ob er unter Stellantis besser läuft als unter Daimler und BMW, ist bislang nicht öffentlich.

31 → 16 Städte, 2019 bis 2022
20.000 → 10.000 Fahrzeuge, 2019 bis 2022
4 → 3,5 Mio. Kunden, 2019 bis 2022

Chronologie

  1. Okt. 2008 Daimler startet car2go in Ulm, zunächst für Mitarbeiter, ab März 2009 für alle.
  2. 2011 BMW und Sixt gründen DriveNow als gemeinsames Unternehmen, Start in München.
  3. Jan. 2018 BMW kauft den Sixt-Anteil an DriveNow für 209 Mio. EUR.
  4. Feb. 2019 BMW und Daimler bündeln ihre Mobilitätsdienste in fünf Joint Ventures mit Sitz in Berlin. Share Now entsteht aus car2go und DriveNow.
  5. Dez. 2019 Share Now kündigt den Rückzug aus Nordamerika sowie aus London, Brüssel und Florenz zum 29. Februar 2020 an. 18 europäische Städte bleiben.
  6. 3. Mai 2022 Verkaufsabsicht an Stellantis. BMW und Mercedes-Benz Mobility wollen sich auf Free Now und Charge Now konzentrieren.
  7. 18. Juli 2022 Closing. Share Now wird Teil von Free2move; Marke und Führungsteam bleiben.

Unsere Lesart

Was der Fall für Organizational Immune Design zeigt

Der Fall zeigt die Nahtstelle Governance und Kapitalallokation, in der Joint-Venture-Variante. Beendet wurde das Engagement nicht aus dem Geschäft heraus, sondern durch eine Entscheidung der Gesellschafter über ihr Portfolio: zwei von fünf Diensten behalten, einen verkaufen. Der Fall legt nahe, dass ein Geschäft, das im Besitz zweier Konzerne liegt, bei jeder strategischen Frage zwei Zustimmungen braucht. Eine mögliche Erklärung für den Rückzug ist, dass beide Häuser ab 2019 Kapital und Aufmerksamkeit anderswo brauchten. Wie die Governance des Joint Ventures im Einzelnen funktionierte, ist nicht öffentlich. Und der Fall ist kein Verlust im engen Sinn: Das Geschäft lief unter neuem Eigentümer weiter.

Sekundär Steuerung und Organisation. Carsharing wird in Minuten und Auslastung gerechnet, Automobilkonzerne in Stückzahlen und Margen. Eine mögliche Erklärung ist, dass das Geschäft an Maßstäben gemessen wurde, an denen es strukturell klein bleibt. Gegen die These von den zwei Zentralen spricht, dass DriveNow selbst sieben Jahre lang ein Joint Venture war, mit Sixt, und in dieser Zeit wuchs. Der Unterschied könnte darin liegen, dass Sixt Vermieter war und BMW Hersteller; belegen lässt sich das nicht.

Was wir nicht wissen

  • Ob Share Now profitabel war. Die Gesellschafter haben Ergebnisse des Joint Ventures nie veröffentlicht.
  • Warum genau verkauft wurde. Dokumentiert ist der Fokus auf Free Now und Charge Now; ob Elektrifizierungskosten, Verluste oder ein Angebot von Stellantis den Ausschlag gaben, ist nicht öffentlich.
  • Wie Entscheidungen im Joint Venture getroffen wurden und ob die Doppelstruktur das Geschäft gebremst hat. Aussagen dazu sind Interpretation.
  • Ob die Halbierung von Flotte und Städten zwischen 2019 und 2022 Wertverlust oder Konsolidierung war. Der Rückzug 2019 betraf Märkte, die Share Now selbst als nicht tragfähig bezeichnete.

Für Ihren Deal

Wenn Sie gerade kaufen: Prüfen Sie vor dem Closing, ob diese Festlegungen bei Ihnen im Kaufvertrag, im Beirat oder im Budgetprozess verankert sind – nicht nur in der Pressemitteilung.

  • Steuerung: Kennzahlen des Minutengeschäfts, nicht der Fahrzeugbilanz (Nur bis zu einer Schwelle übernehmen)
  • Governance & Kapitalallokation: Eine Regel für den Tag, an dem die Gesellschafter anders investieren wollen (Verbinden statt ersetzen)
Zur vollständigen Festlegung ↓

Organizational Immune Design

Was Daimler / BMW vor dem Closing hätte festlegen müssen

Organizational Immune Design legt vor dem Kauf für jede Nahtstelle fest, was der Zukauf vom Käufer übernimmt und was bei ihm bleibt. So hätte die Festlegung an den entscheidenden Nahtstellen aussehen können:

  • Vom Käufer übernehmen Durchlassen

    Fahrzeuge, Kapital, Zugang zu Städten

    Flotten zu Herstellerkonditionen, Finanzierung, Beziehungen zu Stadtverwaltungen: Das sind die Ressourcen, ohne die car2go und DriveNow nicht entstanden wären. Sie hätten ungefiltert fließen müssen, und nach allem, was dokumentiert ist, sind sie das über 14 Jahre auch.

  • Nur bis zu einer Schwelle übernehmen Filtern

    Kennzahlen des Minutengeschäfts, nicht der Fahrzeugbilanz

    Ein Carsharing-Dienst hätte vor dem Start eigene Maßstäbe gebraucht: Auslastung je Stadt, Ertrag je Fahrzeugstunde, Dichte. Und eine Instanz, die diese Zahlen liest, bevor sie in die Konzernlogik übersetzt werden. Ob es sie gab, ist nicht öffentlich.

  • Verbinden statt ersetzen Übersetzen

    Eine Regel für den Tag, an dem die Gesellschafter anders investieren wollen

    Wenn absehbar ist, dass zwei Konzerne ihr Kapital in den nächsten Jahren anders einsetzen, hätte im Gründungsvertrag gestanden, was dann mit dem Joint Venture geschieht: Einstieg eines Dritten, Ausgründung, Verkauf als Ganzes. Verkauft als Ganzes wurde 2022. Ob das von Anfang an so vorgesehen war oder sich ergab, ist nicht bekannt.

Die Immune-Design-Frage

Welche Regel hätte 2019 festgelegt, wer entscheidet, wenn nur einer der beiden Gesellschafter das Carsharing weiterführen will?

Quellen

  1. Daimler-Blog, 10. November 2008: „INTERVIEW: car2go – smart zum Minutentarif“ (Archiv) — Start des Pilotprojekts in Ulm im Oktober 2008 für Mitarbeiter, Öffnung für alle ab 2009
  2. electrive.net, 29. Januar 2018: „BMW übernimmt Carsharing-Anbieter DriveNow komplett“ — DriveNow als 50/50-Joint-Venture von BMW und Sixt seit 2011, Kauf des Sixt-Anteils für 209 Mio. EUR
  3. BMW Group PressClub, 22. Februar 2019: „BMW Group and Daimler AG invest more than €1 billion in joint mobility services provider“ — Fünf Joint Ventures, Investitionssumme, Sitz Berlin, Share Now mit 4 Mio. Kunden, 20.000 Fahrzeugen und 31 Städten
  4. wallstreet-online / dpa-AFX, 20. Dezember 2019: „Share Now zieht die Notbremse: Marktaustritt in Nordamerika sowie London, Brüssel, Florenz“ — Betroffene Städte, Stichtag 29. Februar 2020, Begründung, 18 verbleibende Städte
  5. BMW Group PressClub, 3. Mai 2022: „BMW Group und Mercedes-Benz Mobility beabsichtigen die Veräußerung ihres Carsharing Joint Ventures SHARE NOW an Stellantis“ — Verkaufsabsicht, Stillschweigen über Transaktionsdetails, Fokus auf Free Now und Charge Now, Entstehung 2019 aus car2go und DriveNow
  6. Stellantis / Free2move, Pressemitteilung, 18. Juli 2022: „Free2move Becomes a World Leader in Mobility with Acquisition of Share Now“ — Closing, rund 10.000 Fahrzeuge, 3,5 Mio. Kunden, 16 europäische Städte, Führungsteam bleibt
  7. Hinweis — Mercedes-Benz Mobility ist die frühere Daimler Mobility; die Umbenennung folgte der Aufspaltung des Daimler-Konzerns 2021/2022. Weder der Verkaufspreis noch die Ergebnisse von Share Now sind öffentlich. Aussagen zur internen Governance des Joint Ventures sind Interpretation.

Dokumentierte Fakten stammen aus den genannten Quellen. Die Abschnitte „Unsere Lesart" und „Was Daimler / BMW vor dem Closing hätte festlegen müssen" sind unsere Interpretation.

Sie haben das Muster gerade gelesen. Erkennen Sie es wieder?

Im Erstgespräch ordnen wir Ihre Situation entlang der sechs Nahtstellen ein — 30 Minuten, kostenlos, vertraulich.

Erstgespräch vereinbaren