Industrie, IoT & Versicherung

Munich Re / HSB relayr

2018 – 2025 251,7 Mio. USD für die Restanteile (Unternehmenswert 300 Mio. USD) 4 Min. Lesezeit
2025 aufgelöst

Organizational Immune Design fragt bei jedem Zukauf: Was fließt vom Käufer durch, was bleibt geschützt? Sechs Nahtstellen, an denen das entschieden wird.

Käufer Munich Re / HSB Rückversicherer mit Sitz in München; Käufer war die US-Tochter Hartford Steam Boiler (HSB), seit 2016 mit 15,51 % an relayr beteiligt
Zukauf relayr Berliner Anbieter einer Plattform für das industrielle Internet der Dinge; 2018 rund 200 Beschäftigte in sieben Städten in den USA, Großbritannien, Deutschland und Polen
Kaufpreis 251,7 Mio. USD für die Restanteile (Unternehmenswert 300 Mio. USD)
Value Proposition Technologie und Geschäftsmodell für das industrielle Internet der Dinge: Maschinen vernetzen, Daten auswerten, Ausfälle vorhersagen – als Grundlage für neue Versicherungs- und Finanzprodukte
Wo es riss Governance & Kapitalallokation Das Kerngeschäft des Käufers entscheidet über Budget, Priorität und Verbleib des Zukaufs.
Was daraus wurde Verloren relayr wurde im April 2025 aufgelöst; Unternehmen und Marke existieren nicht mehr. Teile des Geschäfts wurden 2024 verkauft, dort blieben Stellen erhalten. Ob aus der Verbindung von IoT-Daten und Versicherung neue Produkte entstanden sind, ist nicht öffentlich dokumentiert. Was vor dem Closing festzulegen war ↓

Munich Re übernahm relayr 2018 vollständig, um Versicherungswissen mit IoT-Technologie zu neuen Geschäftsmodellen zu verbinden. relayr sollte autonom bleiben und seine Startup-Kultur behalten. Im April 2025 wurde das Unternehmen aufgelöst; Munich Re verwies auf die Konzentration auf das Kerngeschäft.

Was gekauft wurde

Am 4. September 2018 gab Munich Re bekannt, relayr vollständig zu übernehmen – über die US-Tochter Hartford Steam Boiler, die seit 2016 beteiligt war. Der Unternehmenswert lag bei 300 Mio. USD. Der Abschluss folgte Ende Oktober.

Die Zusagen waren konkret: relayr werde weiterhin autonom operieren und seine eigenständige Startup-Kultur behalten, um Innovation voranzutreiben und IoT-Talente zu gewinnen. Die Marke bleibe, relayr bleibe eine eigenständige Einheit innerhalb der HSB-Gruppe. Gründer Josef Brunner blieb CEO. Er sagte damals, es habe in den Jahren zuvor mehrere Übernahmeangebote gegeben, vor allem aus dem angelsächsischen Raum; mit Munich Re könne relayr eigenständig bleiben und habe trotzdem einen Konzern im Rücken.

Warum: die Value Proposition

Vorstand Torsten Jeworrek begründete den Kauf so: Das Internet der Dinge verändere die Welt bereits und habe das Potenzial, das Versicherungs- und Rückversicherungsgeschäft durch neue Geschäftsmodelle, Dienste und Wettbewerber umzuwälzen. Munich Re wollte sein Risikowissen, seine Datenanalyse und seine Finanzkraft mit der Technologie von relayr verbinden und daraus neue Geschäftsmodelle entwickeln. HSB-Chef Greg Barats ergänzte, HSB habe sich immer auf Versicherung und Technologie konzentriert und schon 2016 in relayr investiert, um das Geschäftspotenzial des Internets der Dinge zu erschließen.

relayr vernetzte Industrieanlagen, wertete Maschinendaten aus und sagte Ausfälle voraus; das Geschäftsmodell verband Softwarelizenzen mit Leasing- und Finanzierungsangeboten für Industriemaschinen. Für einen Versicherer ist das eine Datenquelle über den Zustand von Maschinen, die es vorher nicht gab. Gekauft wurde die Fähigkeit, jenseits des Kerngeschäfts etwas Neues zu entwickeln.

Was danach geschah

Was öffentlich dokumentiert ist, ist knapp.

Laut Handelsblatt ging der Umsatz von relayr seit 2019 stetig zurück. Josef Brunner gab den CEO-Posten Anfang Oktober 2021 ab, gut drei Jahre nach der Übernahme, und wandte sich neuen Vorhaben zu. Seine Gründe hat er öffentlich nicht genannt.

2024 verkaufte Munich Re Teile des Unternehmens, die Sensorik für Aufzüge und die Überwachungstechnik für rotierende Maschinen wie Pumpen, Getriebe und Ventilatoren. Rund 100 Stellen blieben bei den Käufern erhalten. Anfang April 2025 wurde relayr laut Handelsregister aufgelöst.

Im Juni 2025 erklärte Munich Re gegenüber dem Handelsblatt, man habe sich im Zuge der Ausrichtung der Innovationsstrategie aus Initiativen zurückgezogen und konzentriere sich auf das Kerngeschäft. Investmentweek ordnete ein, relayr sei eine Sammlung teurer Einzelprojekte geblieben und angekündigte Partnerschaften mit Industriekonzernen seien nicht zustande gekommen; das ist ein Kommentar, keine Primärquelle.

Was bleibt, ist der Abstand zwischen zwei Begründungen desselben Käufers: 2018 der Kauf, um über das Kerngeschäft hinauszugehen. 2025 die Auflösung, um sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren.

200 → ~100 Beschäftigte 2018 → 2025
6,5 Jahre vom Abschluss der Übernahme bis zur Auflösung
3 Jahre blieb der Gründer nach der Übernahme CEO

Im Rahmen der strategischen Ausrichtung der Innovationsstrategie von Munich Re haben wir uns aus Initiativen zurückgezogen, um uns auf unser Kerngeschäft zu konzentrieren.

— Munich Re, Stellungnahme gegenüber dem Handelsblatt, Juni 2025

Chronologie

  1. 4. Sept. 2018 Munich Re kündigt die Vollübernahme an. Zusage: relayr bleibt autonom, behält Marke und Startup-Kultur.
  2. Okt. 2018 Abschluss über HSB. relayr bleibt eigenständige Einheit in der HSB-Gruppe, Gründer Josef Brunner bleibt CEO.
  3. ab 2019 Der Umsatz geht laut Handelsblatt stetig zurück.
  4. Okt. 2021 Brunner gibt den CEO-Posten ab.
  5. 2024 Munich Re verkauft Teile des Geschäfts: die Sensorik für Aufzüge und die Überwachungstechnik für rotierende Maschinen. Ein Teil der Stellen bleibt dort erhalten.
  6. April 2025 Auflösung laut Handelsregister. Im Juni begründet Munich Re den Schritt gegenüber dem Handelsblatt mit der Konzentration auf das Kerngeschäft.

Unsere Lesart

Was der Fall für Organizational Immune Design zeigt

Der Fall zeigt die Nahtstelle Governance & Kapitalallokation. Nicht Genehmigungswege oder Reporting sind hier dokumentiert, sondern die Entscheidung über Fortführung und Kapital – und die Logik dahinter. Munich Re hat den Zukauf 2018 damit begründet, über das Kerngeschäft hinauszugehen, und die Auflösung 2025 damit, sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren. Das legt nahe, dass die Einheit am Ende an genau dem Maßstab gemessen wurde, gegen den sie gekauft worden war. Die Zusage von Autonomie galt für den Betrieb. Für die Frage, ob es die Einheit nach einer Strategieänderung des Konzerns noch geben würde, gab es keine erkennbare Regel.

Sekundär Steuerung. Eine Plattform mit mehrjähriger Skalierungslogik wurde im Portfolio eines Rückversicherers gehalten, dessen Maßstab die Profitabilität des Kerngeschäfts ist. Woran relayr intern gemessen wurde, ist nicht öffentlich; dass die Bewertung am Ende gegen relayr ausfiel, schon. Dass der Gründer drei Jahre nach der Übernahme ging, gehört zum Bild, auch wenn seine Gründe nicht dokumentiert sind.

Was wir nicht wissen

  • Warum der Umsatz seit 2019 zurückging, ein Jahr nach der Übernahme und sechs Jahre vor der Auflösung. Ein Geschäftsmodell, das nicht skalierte, ist eine ebenso mögliche Erklärung wie der Eigentümer; Investmentweek beschreibt relayr als Sammlung teurer Einzelprojekte, deren angekündigte Partnerschaften nicht zustande kamen.
  • Ob Reporting-, Compliance- oder Freigabeprozesse von Munich Re relayr operativ gebremst haben. Dafür gibt es keine ausreichende öffentliche Evidenz.
  • Woran Munich Re relayr intern gemessen hat und ob es vor der Auflösung Kaufinteressenten für das Unternehmen als Ganzes gab.
  • Warum Josef Brunner 2021 ging. Er hat sich öffentlich nur zu seinen neuen Vorhaben geäußert.

Für Ihren Deal

Wenn Sie gerade kaufen: Prüfen Sie vor dem Closing, ob diese Festlegungen bei Ihnen im Kaufvertrag, im Beirat oder im Budgetprozess verankert sind – nicht nur in der Pressemitteilung.

  • Steuerung: Erfolgskriterien für Exploration, vor dem Closing (Nur bis zu einer Schwelle übernehmen)
  • Governance & Kapitalallokation: Ein Exit-Pfad, der nicht in der Auflösung endet (Verbinden statt ersetzen)
Zur vollständigen Festlegung ↓

Organizational Immune Design

Was Munich Re / HSB vor dem Closing hätte festlegen müssen

Organizational Immune Design legt vor dem Kauf für jede Nahtstelle fest, was der Zukauf vom Käufer übernimmt und was bei ihm bleibt. So hätte die Festlegung an den entscheidenden Nahtstellen aussehen können:

  • Vom Käufer übernehmen Durchlassen

    Kapital, Risikoexpertise, Industriekunden

    Genau das, was Munich Re 2018 als Beitrag benannt hat: Finanzkraft, Risikowissen, Datenanalyse und der Zugang von HSB zu Industriekunden. Diese Ressourcen hätten ungefiltert fließen können. Sie waren der Grund, warum ein Rückversicherer der richtige Eigentümer sein konnte.

  • Nur bis zu einer Schwelle übernehmen Filtern

    Erfolgskriterien für Exploration, vor dem Closing

    Wer eine Einheit kauft, die Neues jenseits des Kerngeschäfts entwickeln soll, hätte festlegen müssen, woran sie nach fünf oder sieben Jahren gemessen wird – und dass diese Kriterien nicht die Rendite des Kerngeschäfts sind. Ein Bewertungshorizont, der eine Strategieänderung des Konzerns überlebt.

  • Verbinden statt ersetzen Übersetzen

    Ein Exit-Pfad, der nicht in der Auflösung endet

    Was geschieht, wenn der Konzern die Richtung wechselt? Ausgründung, Verkauf als Ganzes, Management-Buy-out. Diese Optionen hätten 2018 in den Kaufvertrag gehört, als definierte Regel zwischen beiden Systemen. Für eine Einheit, die gekauft wurde, um über das Kerngeschäft hinauszugehen, ist die Rückbesinnung des Käufers auf sein Kerngeschäft sonst das Ende.

Die Immune-Design-Frage

Welche Regel hätte Munich Re 2018 für den Fall festlegen müssen, dass der Konzern seine Innovationsstrategie ändert – Verkauf, Ausgründung oder Fortführung mit eigenem Horizont?

Quellen

  1. Munich Re, Pressemitteilung, 4. September 2018: „Munich Re acquires tech company relayr“ — Unternehmenswert 300 Mio. US-Dollar, strategische Begründung, Zusage von Autonomie und Startup-Kultur, Zitate Jeworrek und Barats, rund 200 Beschäftigte in sieben Städten, HSB seit 2016 beteiligt
  2. Munich Re / HSB, Corporate News, 25. Oktober 2018: „HSB Closes Acquisition of relayr“ — 251,7 Mio. US-Dollar in bar für die Restanteile nach Abzug der bisherigen Beteiligung von 15,51 Prozent, Brunner bleibt CEO, relayr bleibt eigenständige Einheit in der HSB-Gruppe
  3. t3n, 4. September 2018: „Relayr-Chef: ‚Es gab mehrere Übernahmeangebote‘“ — Brunner zu anderen Angeboten und zur Eigenständigkeit unter Munich Re
  4. WirtschaftsWoche, 3. November 2021: „Mehrfachgründer Josef Brunner: Schmerz ist ein zentraler Antrieb“ — Rücktritt als relayr-CEO Anfang Oktober 2021
  5. Handelsblatt, 17. Juni 2025: „Munich Re wickelt einstiges Vorzeige-Start-up Relayr ab“ — Auflösung Anfang April 2025, Umsatzrückgang seit 2019, Teilverkäufe 2024, rund 100 erhaltene Stellen, Stellungnahme von Munich Re im Wortlaut; nennt den Kaufpreis mit 300 Mio. Euro
  6. HZ Insurance, 16. Juni 2025: „Munich Re hat den Betrieb von Relayr bereits Anfang April aufgelöst“ — Auflösung, Stellungnahme von Munich Re
  7. Investmentweek, Juni 2025: „Milliarden versenkt, Vertrauen verspielt: Start-up Relayr wird abgewickelt“ — Einordnung des Geschäftsmodells, nicht zustande gekommene Partnerschaften; Kommentar, keine Primärquelle
  8. Hinweis — Munich Re gibt den Unternehmenswert in US-Dollar an; das Handelsblatt nennt 300 Mio. Euro. Die Angaben zu Umsatz und Stellen stammen aus dem Handelsblatt, Munich Re hat sie nicht kommentiert.

Dokumentierte Fakten stammen aus den genannten Quellen. Die Abschnitte „Unsere Lesart" und „Was Munich Re / HSB vor dem Closing hätte festlegen müssen" sind unsere Interpretation.

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