Nestlé übernahm im April 2022 die Mehrheit an Ankerkraut. Unmittelbar nach der Bekanntgabe reagierten Kunden und Influencer öffentlich auf den neuen Eigentümer, noch bevor sich im Unternehmen etwas geändert hatte. Vier Jahre später kauften Gründer und Management das Unternehmen zurück.
Was gekauft wurde
Im April 2022 gab Nestlé Deutschland bekannt, die Mehrheit an Ankerkraut zu übernehmen. Verkäufer waren die Gründer Anne und Stefan Lemcke und der Finanzinvestor EMZ Partners, der seit 2020 beteiligt war. Der Kaufpreis wurde nicht genannt.
Nestlé sagte zu: Das Management führt das Geschäft eigenständig weiter, Gründer und Management bleiben Gesellschafter. Nestlé-Deutschlandchef Marc Boersch erklärte, beide Unternehmen könnten viel voneinander lernen. Die Gründer behielten einen Minderheitsanteil und einen Sitz im Aufsichtsgremium. Zugleich zogen sie sich laut Medienberichten aus dem operativen Geschäft zurück und sollten künftig als Markenbotschafter auftreten. Die Übernahme stand unter dem Vorbehalt der Kartellbehörden.
Warum: die Value Proposition
Nestlé nannte den Grund selbst: Der Konzern wollte von Ankerkrauts Agilität, Unternehmergeist und Omnichannel-Präsenz lernen, also von der Fähigkeit, dieselbe Marke über eigenen Onlineshop, eigene Läden und den Handel zu verkaufen. Ankerkraut sollte im Gegenzug Nestlés Markt- und Vertriebswissen nutzen und weiter wachsen.
Diese Fähigkeit hing an etwas, das in keinem Vertrag stand: an der Nähe zwischen den Gründern, ihren Kunden und den Influencern, die die Gewürze aus Überzeugung empfahlen. Die Gründer waren die Gesichter der Marke. Zum Zeitpunkt des Verkaufs betrieb Ankerkraut fünf eigene Läden in Deutschland und verkaufte über Webshops sowie den Einzel- und Fachhandel in Deutschland und Österreich.
Was danach geschah
Die Reaktion kam nicht aus dem Konzern, sondern von außen. Unmittelbar nach der Bekanntgabe kritisierten Nutzer auf Instagram, Facebook und Twitter die Gründer; viele warfen ihnen vor, ihre Werte verraten zu haben. Die Kritik richtete sich gegen Nestlé als Eigentümer, nicht gegen ein Produkt. Von den rund 500 Influencern, die Ankerkraut bewarben, beendete laut Handelsblatt mehr als die Hälfte die Zusammenarbeit.
2022 sank der Umsatz erstmals seit der Gründung. Ein Jahr später sagten die Gründer dem Handelsblatt, der Rückgang sei nicht hauptsächlich auf den Einstieg von Nestlé zurückzuführen. Sie würden wieder an Nestlé verkaufen; den Shitstorm hätten sie unterschätzt.
Was in den folgenden Jahren im Unternehmen geschah, ist öffentlich kaum dokumentiert. Bekannt ist der Stand am Ende: Als die Gründer im April 2026 gemeinsam mit den Geschäftsführern Timo Haas und Alexander Schwoch die Anteile von Nestlé übernahmen, beschäftigte Ankerkraut rund 160 Menschen. Beide Seiten verwiesen auf eine veränderte Marktlage. Nestlé-Deutschlandchef Alexander von Maillot nannte die Zusammenarbeit konstruktiv und vertrauensvoll und erklärte, Nestlé unterstütze den Wunsch der Gründer nach größerer unternehmerischer Eigenständigkeit. Über den Preis wurde Stillschweigen vereinbart.
Die Gründer erklärten, sie hätten in den vergangenen Jahren viel gelernt und wollten die Marke nun wieder selbst weiterentwickeln. Ob das gelingt, ist offen.
Ankerkraut ist für uns mehr als ein Unternehmen – es ist unser Lebenswerk.
— Anne und Stefan Lemcke, Gründer, Pressemitteilung Nestlé Deutschland zum Rückkauf, 15. April 2026