Software & Productivity

Microsoft Wunderlist (6Wunderkinder)

2015 – 2020 100–200 Mio. USD (laut Medienberichten, nicht bestätigt) 4 Min. Lesezeit
Produkt abgeschaltet. Team baute den Nachfolger.

Organizational Immune Design fragt bei jedem Zukauf: Was fließt vom Käufer durch, was bleibt geschützt? Sechs Nahtstellen, an denen das entschieden wird.

Käufer Microsoft Softwarekonzern mit Sitz in Redmond; die Übernahme verantwortete die Office-Sparte, angekündigt vom General Manager OneNote
Zukauf Wunderlist (6Wunderkinder) Berliner To-do-App des Startups 6Wunderkinder; 2015 über 13 Mio. Nutzer, die mehr als eine Milliarde Aufgaben angelegt hatten
Kaufpreis 100–200 Mio. USD (laut Medienberichten, nicht bestätigt)
Value Proposition Eine plattformübergreifende Consumer-App mit großer, loyaler Nutzerbasis und ein Team, dessen Innovationen laut Microsoft in die eigenen Apps und Dienste einfließen sollten
Wo es riss Technologie & Daten Das gekaufte Produkt wird auf die Plattform und Systeme des Käufers verlagert.
Was daraus wurde Übertragen Das Wunderlist-Team baute Microsoft To Do; Know-how und ein Teil der Nutzer gingen in das Nachfolgeprodukt über. Produkt, Marke und Gründer sind weg: Wunderlist wurde am 6. Mai 2020 abgeschaltet, Christian Reber hatte Microsoft zuvor verlassen. Ob To Do die Bindung erreicht, die Wunderlist bei seinen Nutzern hatte, ist nicht öffentlich. Was vor dem Closing festzulegen war ↓

Microsoft kaufte 2015 mit Wunderlist eine der bekanntesten deutschen Consumer-Apps. Zwei Jahre später kündigte der Konzern an, sie durch Microsoft To Do zu ersetzen, entwickelt vom selben Team. Der Gründer bot 2019 öffentlich an, die App zurückzukaufen. Im Mai 2020 wurde Wunderlist abgeschaltet.

Was gekauft wurde

Am 2. Juni 2015 gab Microsoft die Übernahme von 6Wunderkinder bekannt, dem Berliner Startup hinter der To-do-App Wunderlist. Der Kaufpreis wurde nicht genannt; Medien berichteten von 100 bis 200 Mio. USD. Microsoft sagte zu, dass die App in allen Märkten kostenlos bleibe, die Preise für zahlende Kunden unverändert blieben und die Anbindungen an andere Dienste erhalten würden. Das Team kam zu Microsoft; der Konzern kündigte an, seine Präsenz in Berlin auszubauen. Die Ankündigung kam von Eran Megiddo, General Manager OneNote – die App wurde also von Anfang an in der Office-Sparte geführt.

Über Marke und Fortbestand des Produkts stand in der Ankündigung nichts.

Warum: die Value Proposition

Microsoft beschrieb die Übernahme als Teil des Vorhabens, Produktivität für eine mobile, cloudbasierte Welt neu zu erfinden. Unter Satya Nadella baute der Konzern seine Apps für alle Plattformen, auch für iPhone und Android. Wunderlist war genau das: ein Produkt, das auf jedem Gerät lief, für Einfachheit und Gestaltung stand und Millionen Nutzer täglich benutzten. Microsoft kündigte an, die Innovationen von Wunderlist auf die eigenen Apps und Dienste anzuwenden.

Gekauft wurden also drei Dinge: eine Nutzerbasis, ein Produkt mit eigener Identität und ein Team, das wusste, wie man Consumer-Software baut. Die ersten beiden waren an das konkrete Produkt gebunden. Das dritte nicht.

Was danach geschah

Im April 2017 stellte Microsoft To-Do als Vorabversion vor, entwickelt vom Team hinter Wunderlist, aufgebaut auf der Infrastruktur von Office 365 und verbunden mit Outlook. Für Unternehmenskunden konnten IT-Abteilungen die Vorabversion über das Office-365-Admin-Center freischalten. Sobald das Beste von Wunderlist übernommen sei, werde Wunderlist eingestellt, hieß es. Ein Datum nannte Microsoft nicht.

Christian Reber verließ Microsoft und gründete 2018 das Präsentationssoftware-Startup Pitch. Im September 2019 wandte er sich auf Twitter an Nadella und bot an, Wunderlist zurückzukaufen; die App werde noch immer geliebt und genutzt. Ein Verkauf kam nicht zustande.

Im Dezember 2019 nannte Microsoft das Abschaltdatum. Die App erhalte keine neuen Funktionen mehr und werde mit dem Alter schwerer zu warten. Laut Sensor Tower war Wunderlist 2019 noch drei Millionen Mal neu installiert worden, nach vier Millionen im Vorjahr. Am 6. Mai 2020 ging die App offline.

To Do gibt es weiter. Es wurde von den Menschen gebaut, die Wunderlist gebaut hatten. Reber sagte 2024, als er mit Superlist ein neues Produkt aus der Beta-Phase brachte, Microsoft habe entschieden, das Produkt in den eigenen Stack zu überführen – und dieses Produkt sei nicht seines gewesen. Die Fähigkeit hat den Käufer erreicht. Das Produkt, für das Nutzer gekommen waren, nicht.

4 → 3 Mio. Neuinstallationen 2018 → 2019, laut Sensor Tower
3 Jahre von der Ankündigung des Ersatzes bis zur Abschaltung

Still sad @Microsoft wants to shut down @Wunderlist, even though people still love and use it. I’m serious @satyanadella @marcusash, please let me buy it back.

— Christian Reber, Wunderlist-Gründer, Twitter, 6. September 2019

Chronologie

  1. 2. Juni 2015 Microsoft gibt die Übernahme von 6Wunderkinder bekannt. Zusage: Die App bleibt kostenlos, Preise für Pro- und Business-Kunden bleiben, das Team kommt zu Microsoft.
  2. 19. April 2017 Microsoft stellt To-Do als Preview vor, entwickelt vom Wunderlist-Team auf der Infrastruktur von Office 365. Sobald das Beste von Wunderlist übernommen sei, werde Wunderlist eingestellt.
  3. 2018 Reber, inzwischen nicht mehr bei Microsoft, gründet das Präsentationssoftware-Startup Pitch.
  4. 6. Sept. 2019 Reber bietet Satya Nadella auf Twitter an, Wunderlist zurückzukaufen. Ein Verkauf kommt nicht zustande.
  5. 9. Dez. 2019 Microsoft nennt das Abschaltdatum. Begründung: Die App erhalte keine neuen Funktionen mehr und werde mit dem Alter schwerer zu warten.
  6. 6. Mai 2020 Wunderlist geht offline.
  7. Feb. 2024 Reber bringt mit Superlist ein neues Produkt im selben Problemraum aus der Beta-Phase.

Unsere Lesart

Was der Fall für Organizational Immune Design zeigt

Der Fall zeigt die Nahtstelle Technologie & Daten. Microsoft hat das gekaufte Produkt nicht in seine Plattform integriert, sondern vom selben Team neu gebaut, auf der eigenen Infrastruktur, mit eigener Marke. Reber beschrieb es 2024 so: Microsoft habe entschieden, das Produkt in den Microsoft-Stack zu überführen. Das legt nahe, dass die Plattformlogik des Käufers über das Produkt gestellt wurde – nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil ein Produkt bei Microsoft seinen Platz in der Suite hat und Konten, Daten und Infrastruktur mit ihr teilt. Was dabei nicht mitgenommen wurde, war das, was Nutzer an Wunderlist gebunden hatte: der Name und das konkrete Produkt.

Sekundär Organisation und Führung. Das eigenständige Produkt wurde Teil einer Suite, der Gründer verließ den Konzern, und die Entwicklung des Originals kam zum Stillstand, während der Nachfolger Jahre brauchte. Das ist kein reiner Verlust: Das Team blieb, baute To Do, und Microsoft hat die Fähigkeit, Consumer-Software zu bauen, aus Berlin übernommen. Es ist ein Transfer, bei dem Produkt und Marke auf der Strecke blieben. Ob das für Microsoft ein schlechtes Geschäft war, lässt sich von außen nicht sagen.

Was wir nicht wissen

  • Ob Wunderlist als eigenständiges Produkt weiter gewachsen wäre. Die Neuinstallationen gingen schon 2019 zurück, als die App keine neuen Funktionen mehr erhielt; der Markt für To-do-Apps ist dicht besetzt.
  • Wie viele Nutzer zu To Do gewechselt sind und ob To Do die Bindung von Wunderlist erreicht. Microsoft hat dazu keine Zahlen veröffentlicht.
  • Warum Reber Microsoft verließ und ob ein Verkauf an ihn je geprüft wurde. Microsoft hat sich öffentlich nicht dazu geäußert.
  • Ob der Neubau technisch notwendig war. Microsoft nannte 2019 wachsende Wartungsprobleme; ob diese eine Weiterentwicklung ausgeschlossen hätten, ist nicht dokumentiert.

Für Ihren Deal

Wenn Sie gerade kaufen: Prüfen Sie vor dem Closing, ob diese Festlegungen bei Ihnen im Kaufvertrag, im Beirat oder im Budgetprozess verankert sind – nicht nur in der Pressemitteilung.

  • Technologie & Daten: Eine Schnittstelle zu Office 365 statt eines Neubaus (Verbinden statt ersetzen)
  • Technologie & Daten: Das Produkt selbst: Marke, Codebasis, Release-Rhythmus (Beim Zukauf lassen)
Zur vollständigen Festlegung ↓

Organizational Immune Design

Was Microsoft vor dem Closing hätte festlegen müssen

Organizational Immune Design legt vor dem Kauf für jede Nahtstelle fest, was der Zukauf vom Käufer übernimmt und was bei ihm bleibt. So hätte die Festlegung an den entscheidenden Nahtstellen aussehen können:

  • Vom Käufer übernehmen Durchlassen

    Microsofts Reichweite, Konten und Vertrieb

    Was ein Berliner Startup allein nicht hat: Hunderte Millionen Nutzerkonten, Vertrieb an Unternehmen, Infrastruktur. Das hätte ungefiltert fließen und Wunderlist größer machen können, statt es zu ersetzen.

  • Verbinden statt ersetzen Übersetzen

    Eine Schnittstelle zu Office 365 statt eines Neubaus

    Konten, Daten und die Verbindung zu Outlook hätten als definierte Schnittstelle gebaut werden können – Wunderlist bleibt, To Do wird die integrierte Variante daneben. Zwei Produkte, eine Schnittstelle, statt Migration.

  • Beim Zukauf lassen Schützen

    Das Produkt selbst: Marke, Codebasis, Release-Rhythmus

    Was Wunderlist von einer beliebigen To-do-App unterschied, war an das konkrete Produkt gebunden. Es hätte außerhalb der Plattformlogik bleiben müssen – als eigenständiges Produkt, das weiterentwickelt und nicht ersetzt wird, änderbar nur durch einen ausdrücklichen Beschluss, nicht durch die nächste Plattformentscheidung.

Die Immune-Design-Frage

Was hätte Microsoft 2015 festlegen müssen, damit die Integration in die eigene Plattform als Schnittstelle stattfindet und nicht als Ersatz des Produkts?

Quellen

  1. Microsoft, Official Microsoft Blog, 2. Juni 2015: „Welcome 6Wunderkinder! Microsoft acquires Wunderlist“ — Übernahme, über 13 Mio. Nutzer, mehr als eine Milliarde Aufgaben, Zusagen zu Preisen und Integrationen, Absicht, Wunderlists Innovationen in Microsofts Apps und Dienste einzubringen
  2. Microsoft 365 Blog, 19. April 2017: „Introducing Microsoft To-Do – now available in Preview“ — To-Do vom Wunderlist-Team, Aufbau auf Office 365, Ankündigung der Einstellung von Wunderlist
  3. VentureBeat, 6. September 2019: „Wunderlist founder wants to buy his app back from Microsoft“ — Tweet im Wortlaut, Kaufpreisspanne, Pitch
  4. TechCrunch, 9. Dezember 2019: „Microsoft to finally shut down to-do list app Wunderlist on May 6, 2020“ — Abschaltdatum, Begründung von Microsoft, Installationszahlen 2018 und 2019 laut Sensor Tower
  5. CNBC, 10. März 2022: „Wunderlist co-founder felt ‚really unhappy‘ after selling to Microsoft“ — Kaufpreisspanne, Rebers Rückblick, erfolgloses Rückkaufangebot
  6. TechCrunch, 16. Februar 2024: „$13M and 3 years later, Superlist hopes to become a decacorn“ — Superlist verlässt die Beta-Phase, Reber-Aussage zur Überführung des Produkts in den Microsoft-Stack
  7. Hinweis — Der Kaufpreis wurde nie offiziell bestätigt; alle Preisangaben sind Medienberichte. Das Zitat ist im Original englisch; deutsch: Immer noch traurig, dass Microsoft Wunderlist abschalten will, obwohl die Leute es noch lieben und nutzen. Ich meine es ernst, bitte lasst mich es zurückkaufen.

Dokumentierte Fakten stammen aus den genannten Quellen. Die Abschnitte „Unsere Lesart" und „Was Microsoft vor dem Closing hätte festlegen müssen" sind unsere Interpretation.

Sie haben das Muster gerade gelesen. Erkennen Sie es wieder?

Im Erstgespräch ordnen wir Ihre Situation entlang der sechs Nahtstellen ein — 30 Minuten, kostenlos, vertraulich.

Erstgespräch vereinbaren