Microsoft kaufte 2015 mit Wunderlist eine der bekanntesten deutschen Consumer-Apps. Zwei Jahre später kündigte der Konzern an, sie durch Microsoft To Do zu ersetzen, entwickelt vom selben Team. Der Gründer bot 2019 öffentlich an, die App zurückzukaufen. Im Mai 2020 wurde Wunderlist abgeschaltet.
Was gekauft wurde
Am 2. Juni 2015 gab Microsoft die Übernahme von 6Wunderkinder bekannt, dem Berliner Startup hinter der To-do-App Wunderlist. Der Kaufpreis wurde nicht genannt; Medien berichteten von 100 bis 200 Mio. USD. Microsoft sagte zu, dass die App in allen Märkten kostenlos bleibe, die Preise für zahlende Kunden unverändert blieben und die Anbindungen an andere Dienste erhalten würden. Das Team kam zu Microsoft; der Konzern kündigte an, seine Präsenz in Berlin auszubauen. Die Ankündigung kam von Eran Megiddo, General Manager OneNote – die App wurde also von Anfang an in der Office-Sparte geführt.
Über Marke und Fortbestand des Produkts stand in der Ankündigung nichts.
Warum: die Value Proposition
Microsoft beschrieb die Übernahme als Teil des Vorhabens, Produktivität für eine mobile, cloudbasierte Welt neu zu erfinden. Unter Satya Nadella baute der Konzern seine Apps für alle Plattformen, auch für iPhone und Android. Wunderlist war genau das: ein Produkt, das auf jedem Gerät lief, für Einfachheit und Gestaltung stand und Millionen Nutzer täglich benutzten. Microsoft kündigte an, die Innovationen von Wunderlist auf die eigenen Apps und Dienste anzuwenden.
Gekauft wurden also drei Dinge: eine Nutzerbasis, ein Produkt mit eigener Identität und ein Team, das wusste, wie man Consumer-Software baut. Die ersten beiden waren an das konkrete Produkt gebunden. Das dritte nicht.
Was danach geschah
Im April 2017 stellte Microsoft To-Do als Vorabversion vor, entwickelt vom Team hinter Wunderlist, aufgebaut auf der Infrastruktur von Office 365 und verbunden mit Outlook. Für Unternehmenskunden konnten IT-Abteilungen die Vorabversion über das Office-365-Admin-Center freischalten. Sobald das Beste von Wunderlist übernommen sei, werde Wunderlist eingestellt, hieß es. Ein Datum nannte Microsoft nicht.
Christian Reber verließ Microsoft und gründete 2018 das Präsentationssoftware-Startup Pitch. Im September 2019 wandte er sich auf Twitter an Nadella und bot an, Wunderlist zurückzukaufen; die App werde noch immer geliebt und genutzt. Ein Verkauf kam nicht zustande.
Im Dezember 2019 nannte Microsoft das Abschaltdatum. Die App erhalte keine neuen Funktionen mehr und werde mit dem Alter schwerer zu warten. Laut Sensor Tower war Wunderlist 2019 noch drei Millionen Mal neu installiert worden, nach vier Millionen im Vorjahr. Am 6. Mai 2020 ging die App offline.
To Do gibt es weiter. Es wurde von den Menschen gebaut, die Wunderlist gebaut hatten. Reber sagte 2024, als er mit Superlist ein neues Produkt aus der Beta-Phase brachte, Microsoft habe entschieden, das Produkt in den eigenen Stack zu überführen – und dieses Produkt sei nicht seines gewesen. Die Fähigkeit hat den Käufer erreicht. Das Produkt, für das Nutzer gekommen waren, nicht.
Still sad @Microsoft wants to shut down @Wunderlist, even though people still love and use it. I’m serious @satyanadella @marcusash, please let me buy it back.
— Christian Reber, Wunderlist-Gründer, Twitter, 6. September 2019