Zwei der größten Automobilhersteller der Welt bündelten ihre Carsharing-Dienste – und schafften es trotzdem nicht. 2022 wurde Share Now an Stellantis verkauft. Der Beweis: Mehr Konzern bedeutet nicht mehr Erfolg.
Die Wette
Die Geschichte beginnt 2008, als Daimler mit car2go das Free-floating Carsharing erfand: Autos mieten ohne Station, per App finden, irgendwo im Stadtgebiet abstellen. BMW zog 2011 mit DriveNow nach. Beide Dienste wuchsen, beide verloren Geld, und 2019 entschieden sich die Erzrivalen zu einem ungewöhnlichen Schritt: Sie legten ihre Carsharing-Dienste zusammen. Aus car2go und DriveNow wurde Share Now, Teil eines größeren Joint Ventures namens “Your Now”, das auch Ride-Hailing, Parking und Charging umfasste.
Die Logik: Gemeinsam hätte man die kritische Masse, die Flottengröße und die Marktabdeckung, um endlich profitabel zu werden. Zwei der größten Automobilhersteller der Welt, vereint im Kampf gegen Uber und die neuen Mobilitätsanbieter.
Was wirklich gebaut wurde
Free-floating Carsharing ist ein Geschäftsmodell, das von Geschwindigkeit, lokaler Anpassung und experimentellem Lernen lebt. Welche Stadtviertel funktionieren? Welche Preismodelle? Welche Fahrzeugtypen? Diese Fragen lassen sich nicht in Konzernzentralen beantworten, sondern nur durch schnelle Iteration vor Ort. Car2go und DriveNow hatten diese Fähigkeit – in Grenzen, denn auch sie waren schon Konzerntöchter. Aber jede für sich hatte zumindest eine klare Marke, eine klare Flotte und ein klares Team.
Das Betriebssystem der Käufer
Was Share Now hatte, war das Gegenteil von Agilität: Zwei Konzern-Muttergesellschaften mit unterschiedlichen Unternehmenskulturen, die sich in einem Joint Venture zusammenraufen mussten. Jede strategische Entscheidung brauchte die Zustimmung beider Seiten. Beide Konzerne hatten eigene Vorstellungen von Flottensteuerung, Fahrzeugstrategie und Markenführung. Daimler wollte Smart-Fahrzeuge platzieren, BMW seine Elektro-i3. Reporting ging an zwei Konzernzentralen. Governance-Meetings verdoppelten sich.
Das ist die spezifische Variante des Paradoxons bei Joint Ventures: Statt einem Betriebssystem, das das Neue überschreibt, gibt es zwei. Die Governance verdoppelt sich, die Entscheidungsgeschwindigkeit halbiert sich.
Die Abstoßungsreaktion
Share Now zog sich schrittweise aus Städten zurück. Nordamerika wurde aufgegeben. Europäische Standorte wurden reduziert. Die Verluste hörten nicht auf. Beide Konzerne investierten parallel in eigene Elektrostrategien und verloren das Interesse am Sharing-Experiment. 2022 verkauften Daimler und BMW Share Now an den Stellantis-Konzern, der es in seine Free2Move-Plattform integrierte.
14 Jahre nach dem Start von car2go, drei Jahre nach der Fusion, war das Experiment beendet. Zwei der kapitalstärksten Automobilhersteller der Welt hatten es nicht geschafft, ein profitables Carsharing-Geschäft aufzubauen.
Das Ergebnis
2008: Daimler startet car2go als Pionier des Free-floating Carsharing.
2011: BMW startet DriveNow als Konkurrenzangebot.
2019: Fusion zu Share Now im Joint Venture “Your Now”. Versprechen: Gemeinsam die kritische Masse erreichen.
2020: Share Now zieht sich aus Nordamerika zurück.
2022: Verkauf von Share Now an Stellantis. Ende des Experiments.
Was Sie daraus lernen können
Der Share-Now-Case zeigt eine Variante des Akquisitionsparadox, die besonders lehrreich ist: Nicht ein Konzern hat das Neue überschrieben – zwei haben es getan. Die doppelte Governance eines Joint Ventures zwischen Wettbewerbern machte jede Entscheidung zum Verhandlungsthema. Innovation braucht Geschwindigkeit und klare Verantwortung. Beides ist in einem Joint Venture zweier DAX-Konzerne strukturell kaum möglich.
Die Frage für Ihre Organisation: Wenn Sie ein neues Geschäftsmodell in einem Joint Venture betreiben – haben Sie die Entscheidungsgeschwindigkeit, die das Geschäftsmodell braucht? Oder multiplizieren Sie die Governance und halbieren die Agilität?
Strategisch wichtig ist nicht gleich wirtschaftlich tragfähig im Konzern.
— Branchenanalyse